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Unser Blog


«Friedrich Goll: Ein Orgelbauer aus dem Untergrund-Quartier» (15. September 2018)

Die Luzerner Orgelbaufirma Goll feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. 1868 übernahm Friedrich Goll die Werkstatt auf der Sentimatte. Aber bereits 9 Jahre zuvor wurden dort Orgeln gebaut.

Orgelbaumeister Friedrich Goll war ein Ausnahmetalent. Er war der «bedeutendste Schweizer Orgelbauer im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts», sagt Bernhard Hörler in seinem Text zu Golls 100. Todesjahr. Entsprechend standen die Gollschen Orgeln in unzähligen Kirchen der Schweiz und im nahen Ausland. Eine Orgel schaffte es sogar bis nach Kolumbien. Gebaut wurden diese riesigen sakralen Musikinstrumente auf der Sentimatte im Untergrundquartier.

Der spätere Orgelbauer Goll wurde am 28. Oktober 1839 im Württembergischen Bissingen an der Teck geboren. Bereits mit 15 Jahren begann er seine vierjährige Lehre als Orgelbauer bei seinem Bruder Christoph Ludwig Goll. 1858 zog er nach Freiburg im Breisgau, um als Geselle bei Jakob Forrell zu arbeiten. Der Orgelbauer Friedrich Haas, der seit 1859 seine Werkstatt im Untergrundquartier betrieb, lockte Goll nach Luzern. Haas sah in Goll seinen Nachfolger und förderte den äusserst begabten und fleissigen jungen Mann. Die beiden «Genies ihres Fachs» ergänzten sich perfekt. So optimierte Goll mit eigenen Verbesserungen die bereits damals hochgelobten Orgeln von Haas.

Wanderjahre und Neuanfang

Da Haas bei Goll noch Verbesserungspotential bei den «Zungenstimmen» sah, stellte er ihm 1865 einen Wanderbrief aus und sandte ihn nach Paris. Zwei Jahre später übergab Haas sein Geschäft dem 29-jährigen Betriebsleiter in Abwesenheit. Goll kehrte erst 1868 nach einem Umweg über London nach Luzern zurück. Dieses Jahr gilt für die heute noch im Tribschen-Gebiet ansässige Firma Goll als offizielles Gründungsjahr. Als eine der ersten Orgeln baute die Firma Goll jene in der Luzerner Franziskaner-Kirche. 1871 bezog Goll seinen Wohn- und Geschäftssitz in der Sentimatte 598 K + L. Den nationalen Durchbruch schaffte er im Jahr 1877 mit dem Bau der Hauptorgel in der Klosterkirche Engelberg.

Da die Firma dem neuen kantonalen Fabrikgesetz unterstellt wurde, gründete Goll 1878 als einer der ersten Firmenpatrone der Schweiz eine eigene Betriebskasse für die Mitarbeiter. Seine Orgelschreiner und Orgelbauer lebten zu grossen Teilen im Untergrund. 1891 wohnten beispielsweise 14 von ihnen in der Basel- oder Bernstrasse. Bis Goll den Betrieb seinem Sohn Karl 1904 übergab, baute die Firma 258 Orgeln. Danach wuchs die Firma rasant weiter. 1914 hatte sie bereits 70 Angestellte. 1921 wurden die Werkstätten dann nach Horw verlegt.

Nur wenige Orgeln «überlebten»

Zu Friedrich Golls prestigeträchtigsten Arbeiten gehört sicher die Renovation der Luzerner Hofkirche 1899 oder der Umbau der Berner Münsterorgel. Aber auch im Untergrund erhielt er einen Auftrag. Er baute 1894 die Orgel in der Sentikriche.

Seine Ausstellungsstücke wurden sowohl an der Zürcher Landesausstellung von 1883 als auch an der Genfer Landesausstellung von 1896 mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Trotz der hochgelobten Bauweise Golls haben nur 39 «seiner» Instrumente bis heute überlebt. Der Grund dafür liegt in der «deutschen Orgelbewegung» der 1920er-Jahre. Diese versuchte, ein idealisiertes barockes Orgelklangbild wieder zu beleben. Dazu wurden bis zur Jahrtausendwende zahlreiche vermeintlich unpassende «Orgeln» abgerissen und durch solche mit «neobarockem Klangbild» ersetzt. Heute weiss die Forschung, dass ein solch angestrebtes barockes Klangbild so niemals existiert hat. Entsprechend wird nun den abgerissenen Goll-Orgeln vielerorts nachgetrauert.

Friedrich Goll erlebte die deutsche Orgelbewegung nicht mehr: Er starb am 2. März 1911 während eines stürmischen Abends in seinem Haus an der Sentimattstrasse 2 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung. Wer eine Goll-Orgel mit eigenen Augen betrachten oder besser – mit eigenen Ohren belauschen möchte, kann dies in der Klosterkirche in Engelberg tun. Die Hauptorgel von 1877 ist die älteste noch existierende Goll-Orgel. Auch in der St. Magdalena-Kirche in Meggen (1889) oder in der englischen Kirche in Luzern (1903) stehen noch die Instrumente Golls. Jene in der Sentikirche wurde leider ersetzt.

Michael Weber


«Grabe, wo du stehst» (1. Dezember 2017)

Derzeit befindet sich im Historischen Museum Luzern eine Ausstellung von Urs Häner. Er hat im Foyer des Historischen Museums sieben «Cabinets» mit Geschichten aus seinem Quartier eingerichtet.

01.12.2017 – 09.09.2018

Wer Spannendes entdecken will, muss nicht unbedingt in die Ferne reisen – auch vor der eigenen Haustüre lassen sich reichlich Schätze heben. Der Lebensraum Quartier ist selber ein weites Feld, um Recherchen anzustellen und manche gefährliche Erinnerung wachzuhalten. Seit 1985 lebt Urs Häner in Luzern, wo er sich in verschiedenen Gruppen und Aktivitäten engagiert. Zentrum seines Wirkens ist das BaBeL-Quartier, in dem er selbst lebt. Als Geschichtensammler und -vermittler prägt er das Bild des Quartiers mit. Als «UntergRundgänger» berichtet er von Recherchen und Schätzen, welche diese Equipe gehoben hat. Solche Sedimente von Begebenheiten aus dem Quartier sind Fundstücke gelebten Lebens. Sie haben für Urs Häner das Potenzial, unsere eigene Gegenwart kritisch zu hinterfragen, und zielen damit direkt auf unsere Identität.
Urs Häner ist ein aktiver Mitgestalter dieses Lebensraums. Er versteht ihn als ein Puzzle, das zwar nie fertig wird, aber gemeinschaftlich zu ergänzen ist. Ihm ist es wichtig, das Globale auch im Lokalen durchzubuchstabieren. Erinnern und erzählen, sammeln und sortieren sind der Ausgangspunkt solidarischen Handelns, um an der eigenen Geschichte weiterzuschreiben.
Urs Häner hat im Foyer des Historischen Museums sieben «Cabinets» mit Geschichten aus seinem Quartier eingerichtet.

Donnerstag, 30. November 2017, 18.30 Uhr
Vernissage
Christoph Lichtin, Direktor Historisches Museum, im Gespräch mit Urs Häner

Mittwoch, 14. März 2018, 19.30 Uhr
Cabinet Satellit
Ein Abend zur Geschichte des Sentitreffs und seiner Giraffe, mit Urs Häner und Gästen
Veranstaltungsort: Sentitreff, Baselstrasse 21, 6003 Luzern (Eintritt frei)

Mittwoch, 25. April 2018, 18.30 Uhr
Cabinet Outdoor
Vom Kurzweilplatz zum Gasthaus Kreuzstutz, ein Rundgang mit Urs Häner
Treffpunkt: Historisches Museum

Achtung! Bitte Anmeldetool des Historischen Museums benutzen

Mittwoch, 29. August 2018, 18.30 Uhr
Cabinet Spezial
Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank. Bilder aus dem Luzerner Untergrund – 30 Jahre danach
Eröffnung der Installation im Foyer des Historischen Museums
Mit Urs Häner und Ruedi Meier, alt Stadtrat und Historiker

Kurator:
Christoph Lichtin

Flyer

Zum Historischen Museum


Urs Häner erhält Ehrennadel (26. Oktober 2017)

Wir vom UntergRundgang freuen uns, dass unser Gründungsmitglied Urs Häner von der Stadt Luzern am 26. Oktober 2017 die Ehrennadel verliehen bekam. Der Luzerner Stadtrat verlieh ihm diese Ehrung für das Wirken zum Wohl der Stadt. Vorab war zu diesem Anlass in der Luzerner Zeitung ein Portrait erschienen:

Hier... die Online-Ausgabe des Artikels.

Herzliche Gratulation von allen UntergRundgängerInnen!


Als das Proletariat noch marschierte (28. April 2017)

Kleine Geschichte des Ersten Mai in Luzern

Zu einem gesetzlichen Feiertag hat es der «Tag der Arbeit» im wenig industrialisierten Kanton Luzern nie geschafft. Aber einst war doch einiges am 1. Mai los, wenn die Gewerkschaften zum Umzug für Arbeiterrechte und Arbeitszeitverkürzung aufgerufen hatten. Vor allem im Untergrund-Quartier pflegte man eine kämpferische 1.-Mai-Tradition.

2014 gab es Knatsch um die Erster-Mai-Demo. Ausgerechnet der Präsident der Grünen der Stadt Luzern, Marco Müller, kritisierte die Sperrung der Seebrücke für den arbeiterbewegten Umzug. «Ist es verhältnismässig und gerechtfertigt, am 1. Mai abends in der Rush Hour für 100 Nasen die halbe Seebrücke zu sperren? Ich meine ganz klar, nein», postete der Grüne auf Facebook.

Knatsch um den 1. Mai in Luzern, das ist eine lange Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückführt. Bereits beim ersten Mal, als der damals noch der Liberalen Partei nahestehende Arbeiterbund erstmals zu einer Feier zum Tag der Arbeit 1890 aufrief, vermeldete das «Vaterland», die Zeitung der Katholisch-Konservativen: Bloss 50 Mann mit Trommel und drei Fahnen seien marschiert, darunter besonders viel Ausländer. Der Vorwurf, dass vor allem radikalisierte Ausländer am 1. Mai marschieren, sollte die 1.-Mai-Feierlichkeiten weit ins 20. Jahrhundert hinein begleiten.

Italiener von Polizei bespitzelt

Der 1. Mai war denn auch ein Marathontag für die Polizeispitzel. Eine aufschlussreiche Fiche findet sich im Staatsarchiv Luzern. Da berichtet der italienischkundige Polizeikorporal Anton Aerni über seine Beobachtungen anlässlich der Gründung eines sozialistischen Vereins von italienischen Arbeitern am 1. Mai und 2. Mai 1897.

Aus dem Gasthaus Kreuzstutz, von den Untergründlern auch «Volkshaus II» genannt, rapportierte er: «Vor einer circa 200 Italienern bestandener Menge redete ein Vergnanini, angeblich Schriftsteller in Genf, circa 36 Jahre alt, 173 cm hoch, Haare und kleines Schnurrbärtchen dunkelblond, Gesicht blass, spitz, Nase lang, schwarz gekleidet. Derselbe nannte seine Zuhörer Lasttiere, Sklaven des Kapitalismus, feuerte sie an, sich zu einem Vereine zu gliedern, um so wirksamer dem drohenden Verderben entgegen zu arbeiten, sich frei zu machen, und weil in numerischer Mehrheit dastehend, die Oberhand zu erringen.»

«Gegen die Front des Kapitals»

Aber die Erster-Mai-Bewegung blühte selbst im wenig industrialisierten Luzern auf. Besonders eindrucksvoll war der Umzug im Jahre 1935. Hier wurden schon im April Chorproben für die Parolen angesetzt, mehrere Wagen mit Figuren geschmückt und Transparente gemalt mit der Aufschrift «Gegen die Front des Kapitals – die Front der Arbeit». Einer der Wagen war der Forderung nach dem achten Pflichtschuljahr gewidmet.

«Der farbenfrohe Wagen war beladen mit Blumen geschmückten Kindern, die das stolz in die Welt guckten und ihre Freude daran hatten», schrieb die Arbeiterzeitung und fuhr fort: «Und schliesslich folgt noch der Wagen der Bau- und Holzarbeiter. Zwischen den Wagen marschierten die Massen, Musikcorps, Sportorganisationen, Frauen, Gewerkschafter Seite an Seite mit den Genossen; und in allen Gesichtern stand die Entschlossenheit, für das Ziel des Befreiungskampfes einzustehen.»

Auf der Strasse Farbe bekennen

Mit dem Zweiten Weltkrieg wendete sich das Blatt. Der 1. Mai war gestrichen aus dem Festkalender des Proletariats. Burgfrieden herrschte zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Auch noch 1944 entschied das Luzerner Gewerkschaftskartell, keinen Mai-Umzug zu veranstalten. Im «Volkshaus II» am Kreuzstutz sah man die Dinge anders. Hitlers Bedrohung war nicht mehr drückend und für die Untergründler war es wieder an der Zeit, auf der Strasse mit roten Flaggen Farbe zu bekennen.

So liest man in der damaligen Arbeiterzeitung «Freie Innerschweiz»: «Pünktlich um 14 Uhr marschierten die Untergründler mit einigen Genossen aus der Stadt beim Volkshaus Kreuzstutz ab. Voraus wurden die Arbeiter-Radler, ihnen folgten die Fahnengruppe, die Musikgesellschaft Reussbühl, die mit ihren Flottenmärschen viele Zuschauer herbeilockte, anschliessend die Frauen und Männer.»

Die Schilderung zeigt ganz eindrücklich, wie tief verwurzelt noch in den 1940er-Jahren die Arbeiterkultur war. Von der Musik über den Sport, von den Velofahrern über die Naturfreunde, von den Theater- bis hin zu Jugendgruppen war der ganze Freizeitbereich, ganz ähnlich dem geschlossen katholischen Milieu, von Arbeitervereinen organisiert. Im Untergrund trafen sich diese Vereine vor allem im Kreuzstutz. Es gehört zu den kennzeichnenden Symbolen des Niedergangs der Arbeiterkultur, dass mit dem Aufkommen des Individualverkehrs das Volkshaus II am Kreuzstutz für die Verbreiterung der Baselstrasse abgerissen wurde.

Individualität statt Kollektiv

Individuelle Freizeitgestaltung statt die Nestwärme im Kollektiv war ab den 1960er-Jahren angesagt. Dies machte sich auch bei den rückläufigen Teilnehmerzahlen der 1.-Mai-Umzüge bemerkbar. Zählte man früher noch 3’000 Teilnehmende bei den Kundgebungen auf dem Kornmarkt, hörten bei der letzten Mai-Feier der alten gewerkschaftlichen Garde nur noch 1’500 Menschen zu. Mit dem Epochenumbruch von 1968 spaltete sich dann die 1.-Mai-Bewegung auf.

Die Neue Linke, die später als POCH (Progressive Organisationen Schweiz) auch Einsitz im grossen Stadtrat nahm, wollte nichts mehr von Sozialpartnerschaft und verwedelnden Kompromissen mit den Arbeitgebern wissen. Sie wollten Klassenkampf und Kriegsdienstverweigerung, Dritte-Welt-Themen und Feminismus auf die politische Agenda setzen. Sozialdemokraten und Gewerkschaften verzogen sich dann am 1. Mai in den Saal des Ankers (ehemalige Volkshaus), während die Neue Linke auf dem Kornmarkt anzutreffen war.

Das «Vaterland» höhnte 1973 über den Aufmarsch der 500 Demonstrierenden der Neuen Linken: «Die Masse der Demonstranten ist eine Masse ohne Bewusstsein, eine Masse, die nicht oder noch nicht in der Lage ist, eine effektvolle Demonstration durchzuführen.» Während bei den letzten Mai-Feiern der alten Gewerkschaftsgarde im Publikum kaum Transparente, dafür viele in Anzug gekleidete Arbeiter zu sehen waren, fehlte in den 1970ern auf dem Kornmarkt nicht «ein malerischer Transparentenwald mit sozialistischen Parolen», wie die «Luzerner Neueste Nachrichten» 1974 bemerkte.

Delf Bucher


Warum die Innerschweiz katholisch blieb (22. Februar 2017)

Reformation fand bei der Bildungselite Anklang

Reformation und Innerschweiz sind keineswegs ein Gegensatzpaar. Vor allem die Bildungselite in Klöstern und Stiftsschulen war elektrisiert vom neuen Glauben. Die Bauern und die vom Soldwesen profitierenden Kreise hingegen standen der Reformation ablehnend gegenüber.

Reformation in der Innerschweiz – das verhält sich so widerstrebend zueinander, als wenn Vertreter der Occupy-Bewegung plötzlich die Geschäftsleitung der UBS übernehmen würden. Hand aufs Herz – eine kleine Strassenumfrage in Luzern oder Zug würde ergeben, dass kaum jemand eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Reformation und Innerschweiz entdecken würde.

Bei uns im Team des UntergRundgangs hat sich eine kollektive Vorstellung festgesetzt: Unsichtbar habe sich im 16. Jahrhundert zwischen dem reformatorischen Kraftort Zürich und der Innerschweiz ein unüberwindbarer Gebirgszug aufgetürmt. Ehrlich gesagt, habe ich als schwäbischer Zuzüger, den es Mitte der 1990er Jahre in die Schweiz verschlagen hat, ebenso gedacht. Der Begriff «katholische Stammlande» hat meinen Blick dafür verstellt, dass die Zentralschweiz in Verbindung mit der Reformation gebracht werden könnte.

Fromm und versoffen

Schon rein visuell trumpft hier der Katholizismus auf: Mit der Pracht der Wallfahrtskirchen, wie dem Kloster Einsiedeln oder Hergiswald. Dann begegnen einem beim Wandern die vielen Kapellen, angefüllt mit Katakombenheiligen. All das brachte mir die Aussage des Gegenreformators Karl Borromäus näher. Der Mailänder Bischof lobte bei seiner Visitationsreise in die Innerschweiz die besonders innige Glaubensbeziehung des Völkchens hier. Wenn dem hohen Besuch von ennet dem Gebirg auch die tief verwurzelte Frömmigkeit gefiel, so kritisierte er eines: Nach der Messe hätten sich die männlichen Kirchgänger oft dem Suff hingegeben.

Nun aber habe ich mich längst von der Vorstellung verabschiedet, dass scheinbar ein katholischer Gott seine schützende Hand über die Zentralschweiz gehalten hat. Als wir vom «UntergRundgang» zu Jahresbeginn zusammen mit dem Theologieprofessor Markus Ries und dem reformierten Pfarrer Beat Hänni einen Reformationsrundgang zum Anlass des 500-jährigen Reformationsjubiläums in Luzern planten, war ich überrascht: Beim Brainstorming fielen uns so viele reformationsgeschichtliche Stationen und Stichwörter ein, dass wir locker einen 24-stündigen Geschichtsmarathon zusammentragen könnten. Wir werden dementsprechend im August die abgespeckte Version eines zweistündigen Rundgangs starten.

Reformiertes Einsiedeln

Auch der Historische Verein Zentralschweiz (HVZ) trat mit einer Tagung Ende Januar den kulturkämpferisch geprägten Legenden über Reformation und Gegenreformation entgegen. Bereits das Klosterdorf Einsiedeln zeigt: Wenn auch der ganze Klosterbezirk heute von einer katholischen Patina überzogen ist, Einsiedeln könnte – wenn das historische Bewusstsein etwas geschärfter wäre – durchaus ein reformierter Erinnerungsort sein. Denn hier haben nicht nur Huldrych Zwingli aus Zürich, sondern auch sein reformierter Mitstreiter Leo Jud und der aus Zug stammende reformierte Werner Steiner als Leutpriester gewirkt. An diesem Ort wurde 1522 eine Petition von reformiert gesinnten Priestern verfasst mit der Forderung an den Konstanzer Bischof, für Weltpriester das Zölibat aufzuheben und ihnen zudem die reformierte Predigt zu gestatten.

Es waren nicht wenige Geistliche und Gelehrte in der Innerschweiz, die Luthers und Zwinglis Schriften klandestin studierten und in ihrem Giftschrank aufbewahrten. Staatlich angeordnete Visitationen zeigen: Das reformatorische Schrifttum fand in Klöstern, Pfarrhaushalten und bei einer akademisch geschulten Leserschaft Aufnahme.

Aufgrund einer Denunziation wurde beispielsweise das Kloster Sankt Urban1524 nach «lutherischen» Schriften untersucht. Die Zensoren wurden fündig. In ihrem Eifer konfiszierten sie zudem alle griechische Literatur, die unter dem Generalsverdacht stand, reformatorisch zu sein. Was auch zeigt: Der humanistische Geist, der zurück zu den Quellen drängte, war den altgläubigen Kirchenoberen suspekt.

Besonders ins Visier geriet dabei der humanistische Gelehrte Oswald Myconius, der seine Stelle als Lehrmeister wegen seiner reformatorischen Gesinnung 1522 verlor. Der Luzerner Schüler des wegweisenden Humanisten Erasmus von Rotterdam stand in engem Briefkontakt mit Zwingli und wurde später das reformierte Oberhaupt der Basler Kirche.

1522 war auch der entscheidende Wendepunkt: Immer mehr reformiert Gesinnte verliessen die Zentralschweiz aufgrund des politischen Drucks. Doch zurecht hält der Schriftsteller und Historiker Pirmin Meier bei der HVZ-Tagung fest: «In der Bildungsgeschichte der Zentralschweiz spiegelt sich die Nähe zur Reformation. Wenn die ökonomischen Interessen nicht anders gelagert gewesen wären, hätte es anders herauskommen können.»

Republikanisch gegen die kirchliche Hierarchie

Wirtschaftliche und politische Interessen, das war jahrhundertelang die gängige Argumentation, um die strikte Abweisung der Reformation in der Zentralschweiz zu erklären. Die Elite, die die Söldnerführer stellte, fühlte sich durch die Kritik der Reformatoren um ihre profitable Existenz gebracht.

Bereits 1994 machte der Berner Historiker Peter Blickle in seinem berühmten Aufsatz «Warum die Innerschweiz katholisch blieb» auf ein weiteres zentrales Motiv aufmerksam. Vieles, so die These Blickles, was sich die Bauern im Mittelland wünschten, war in der Innerschweiz längst Realität. Forderungen nach freier Pfarrwahl waren hier längst verwirklicht.

Mit einer Landkarte rund um den Vierwaldstättersee dokumentierte der Historiker Beat Kümin die These Blickles eindrucksvoll. Rund um den See häuften sich mehr als 30 Punkte von Kirchgemeinden, die sich längst aus der bischöflichen Obhut von Konstanz emanzipiert hatten. Kümin nannte als Beispiel Gersau, das sich nicht nur als Reichsdorf bis 1798 als freie Republik gehalten hatte.

Der republikanische Geist der Landsgemeinde griff dort auch auf die kirchliche Institutionen über. Der Pfarrer wurde in Gersau als ein Staatsangestellter behandelt, der seine Dienste nach einem vom Rat erstellten Pflichtenheft zu erledigen hatte. Während gerne katholisch Erzkonservative rund um den Bischof Vitus Huonder das «Staatskirchentum» als eine rein reformiert-freisinnige Erfindung denunzieren, hatte sich dieser Typus längst vor der Reformation in der Zentralschweiz etabliert.

Damit ist auch klar: Für die humanistisch Gebildeten wie Myconius ging von den Ideen der Reformation eine magnetische Anziehungskraft aus, die Bauern und Handwerker dagegen blieben immun.

Delf Bucher


Niedrige Mieten, dafür viel Lärm und Gestank (4. November 2016)

Die Entwicklung des Untergrund-Quartiers an der Baselstrasse

Das Untergrund-Quartier ist geprägt von Multikulturalität und der stark befahrenen Baselstrasse. Was heute wegen der tiefen Mietpreise wieder zur hippen Wohnlage wird, bewegte sich früher zwischen Alleebäumen und Disziplinierungsanstalten.

Motoren wummern, Abgase hängen in der Luft. Kein Luzerner Stadtrundgang findet unter so erschwerten Bedingungen statt wie der «UntergRundgang» in der Baselstrasse. Vor einem tamilischen Laden versuche ich zu erklären, dass Sozialgeographen des Bundesamts für Statistik das Untergrundquartier zum Hotspot von Multikulturalität erklärt haben. Menschen von über 70 Nationen wohnen hier. Und jeden Tag quälen sich zwischen Kreuzstutz und Kasernenplatz 20’000 Autos durch.

Dabei gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Verkehrsbelastung und dem hohen Anteil von ausländischer Wohnbevölkerung. Lärm und Gestank senken die Mieten. Und so erklärt sich auch, dass im Untergrund nach der Erhebung von Lustat Statistik Luzern der Mittelwert der monatlichen Wohnungsmieten (2- bis 3-Zimmer-Wohnungen) mit 1050 Franken am günstigsten in der Leuchtenstadt ist.

«Trolleybus – das grosse Plus»

Vor der grossen Automobilmachung fanden sich in der Baselstrasse noch Alleebäume. In der noch wenig befahrenen Strasse verkehrte selbst noch eine Tramlinie nach Emmenbrücke. Dann aber kam der Autoboom der 1950er-Jahre. Die Verkehrspolitik der Stadt lautete «Trolleybus – das grosse Plus». Die Tram kam weg, die Häuser rings um den Kasernenplatz machten Platz für den Autobahnzubringer und die Zahl der Kraftfahrzeuge sprang von Jahr zu Jahr mehr in die Höhe.

Ein bisschen war es schon immer so. Bis ins Mittelalter zurück versammelten sich in dem damaligen Quartier St.-Jakob-Vorstadt die Ungunstfaktoren städtischen Lebens. In den Spitälern fanden sieche Pilger (St.-Jakob-Spital) und an den Rand gedrängte Stadtbewohner (Sentispital) ihr Asyl. Auch der Henker hatte dort seinen Richtplatz, wo sich der heutige Parkplatz der Pädagogischen Hochschule (ehemaliges Schindlerareal) befindet.

Baselstrasse als Disziplinierungsmeile

Dann aber differenzierten sich die städtischen Sozialanstalten. Die Baselstrasse verwandelte sich im 19. Jahrhundert zur Disziplinierungsmeile mit Waisenhaus, Sentianstalt, Haus für «gefallene Weiber» und natürlich dem grossen kantonalen Gefängnis.

Der Jahresbericht des Gefängnisses von 1865 zeigt sich besonders rücksichtsvoll gegenüber der mittlerweile proletarischen Bevölkerung des Quartiers. «Streng vegetabilische Kost» wurde verordnet – Kartoffeln! Kartoffeln! Kartoffeln! –, um nicht den Neid der «schlecht genährten, darbenden, ehrlichen Bevölkerung zu erregen».

Der Umzug des Gefängnisses 1948 ins Wauwilermoos war damit verbunden, das «neue Wohnen» mit modernen Wohnungen ins Quartier zu tragen. In der Überbauung Sentihof der Patria-Versicherung entstanden die teuersten Mietwohnungen der Stadt. Der Preis für den Komfort des mit elektrischen Helfern ausgestatteten Haushalts war hoch. Denn die Wohnungen waren mit allen technischen Raffinessen der damaligen Zeit ausgestattet (Elektroherde mit elektrischen Backöfen, fliessendes heisses Wasser aus Mischbatterien, Waschküche mit Waschmaschinen).

Unattraktive Wohnlage wird hip

Bald aber sollte auch diese «soziale Aufwertung» des Quartiers versanden. Neubauten nahmen die Sicht auf Reuss, See und Berge, der Verkehrsmoloch machte dem idyllischen Wohnen im begrünten Innenhof ein Ende. Bis Ende der 1990er-Jahre war der grosse Innenhof mit parkierenden Autos zugestellt.

Nach dem Jahr 2000 begann dann wieder an den Rändern des Quartiers eine Offensive für «Schöner Wohnen» im gehobenen Preissegment. Mit Gütschhöhe und der Bebauung der Axa-Versicherung auf der Reussinsel entstanden zwei Grossprojekte, die als Vorboten einer Gentrifzierung gedeutet werden könnten.

Dass das Quartier vor einem Miet-Upgrade steht, befürchtet nun Cyrill Studer, Geschäftsleiter des kantonalen Mieterverbandes. Die vielen kleinen Läden mit ihrem ausländischen Flair kombiniert mit den neuen Stätten des Luzerner Nachtlebens könnten nach Studer zur Verdrängung der sozial schwachen Mieter führen. Gegenüber der Luzerner Zeitung sagte er: «Dass Viertel mit tiefen Mietzinsen und hohem Ausländeranteil an unattraktiver Wohnlage hip werden, beobachten wir auch in anderen Städten wie Zürich oder Basel. Erst recht, wenn sie mit aufwendigen Haussanierungen einhergehen, dank denen der Lärm draussen bleibt.»

Indes: Im von der Eisenbahn durchschnittenen Untergrund wird gehobenes Wohnen nur auf der reusszugewandten Seite partiell möglich sein. Also eine Gentrifizierung im grossen Stil steht wohl nicht an. Thomas Glatthard, Geschäftsführer des Vereins BaBeL, sagt dazu: «Dank Verkehr und Gütschhang, der im Winter vor der Sonne steht, wird unser Quartier für das obere Mietersegment nicht interessant.» Was ihm aber Sorge macht: «Oft werden bei Sanierungen die Mieten verdoppelt.» Das Thema Liegenschaften steht denn auch ganz oben auf dem BaBeL-Aktionsplan.

Delf Bucher


Zwei Monumente erzählen Luzerner Bahngeschichten (2. September 2016)

«Nationalbildhauer» Richard Kissling und das Gotthard-Debakel

Die Monumente des «Nationalbildhauers» Richard Kissling erzählen Geschichte. Was die Statuen in Luzern und Zürich mit der Gotthardbahn-Geschichte zu tun haben, und weshalb die Stadt Luzern noch immer in die Röhre schaut.

Von Bronzestatue Zeitgeist zur Bronzestatue Alfred Escher – hin und zurück heisst es für mich als Luzern–Zürich-Pendler vier Mal in der Woche. Von Richard Kissling zu Richard Kissling, dem «Nationalbildhauer» des Telldenkmals in Altdorf, der sich auch mit dem «Zeitgeist» am Luzerner Bahnhof und dem bronzenen Alfred-Escher-Standbild verewigt hat.

Mit staatsmännischem Blick schaut Escher die Zürcher Bahnhofstrasse Richtung Paradeplatz, dorthin, wo die von ihm gegründete Kreditanstalt (heute UBS) ihren Stammsitz hatte. Die von ihm initiierte Kreditanstalt war entscheidend für die Finanzierung der Gotthardbahn.

Auf der anderen Seite thront der «Zeitgeist» auf dem Triumphbogen des Luzerner Bahnhofs. Die auf einem geflügelten Wagen sitzende Figur streckt ihre Hand Richtung Deutschland aus, das ebenso massgeblich die Gotthardbahn mitfinanziert hat. Untergründig verbinden sich die beiden Figuren – Zeitgeist und Escher – miteinander. Denn der Zeitgeist wurde als Gotthard-Denkmal konzipiert, und Escher ist der entscheidende Weichensteller, der das weltweit grösste Tunnelprojekt des 19. Jahrhunderts erst möglich machte.

Bahnhof Maihof

Escher und der Kanton Luzern entwickelten eine Hassliebe zueinander. Bereits 1846 als junger Kantonsrat wetterte der Politaufsteiger, der es später neben seiner Wirtschaftskarriere auch zum Nationalratspräsidenten und Zürcher Regierungsrat bringen sollte, gegen den von Luzern lancierten katholischen Sonderbund.

Aber das geschulte Kapitalistenauge Eschers half auch den Luzernern. Escher realisierte endlich den Bahnanschluss an Zürich, dies, nachdem die Ostwestbahn, die das Projekt bereits aufgegleist hatte, pleite gegangen war. Ein bauliches Überbleibsel vom Scheitern der Ostwestbahn, die im Maihof einen Bahnhof geplant hatte, ist heute noch sichtbar: das Restaurant Maihöfli, das einst als Wartesaal der Ersten Klasse gebaut wurde.

Der Bankrott der Ostwestbahn war für Luzern ein Glücksfall. Denn Escher entschied sich für eine andere Linienführung, um sich in der Fluhmatt mit den Gleisen der Zentralbahn und der Jura-Luzern-Bahn zu vereinigen. Erst dadurch war es möglich, Luzern zu einem attraktiven Knoten im Schweizer Eisenbahnnetz zu machen.

Weitsicht und Durchsetzungsvermögen

Eschers Weitsicht machte es dann möglich, 1892 den majestätischen Kuppelbahnhof zu bauen, auf dessen Eingangshallen-Bogen heute die Zeitgeist-Statue thront. Eines aber wollte der Eisenbahnbaron auf jeden Fall verhindern: Die Gotthard-Direktion sollte in Zürich und nicht in Luzern ihren Sitz haben. Aber Stadt wie Kanton haben dank der beträchtlichen Mittel für das Megaprojekt des 19. Jahrhunderts sich schliesslich durchgesetzt.

Luzerner Zahlungsboykott

Aber wenn sich auch die Luzerner spendabel zeigten, mehr als die Gotthard-Direktion (ehemaliges Gebäude am Schweizerhofquai) lag nicht drin. Auf den Anschluss an die internationale Transitachse – anfangs eigentlich fest im Streckennetz eingeplant – mussten sie warten. Finanzkrach und allgemeine wirtschaftliche Depression in den 1870er Jahren führten zur Streichung des Projekts.

Da nutzte auch der Protest und das Sistieren der versprochenen Summen in den Gotthard-Topf nichts. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Luzerner Finanzboykotteure ihre Vertragspflicht nicht erfüllten, und verurteilte sie zum Nachzahlen mitsamt Zinseszins. Immerhin gab es 1891 den Anschluss über Meggen, Immensee nach Arth-Goldau.

Gehässige Reaktionen

Auf der anderen Seite war auch der Initiator und Financier Alfred Escher tief gefallen. Die finanzielle Schieflage des Gotthard-Projektes führte zu gehässigen Reaktionen seines früheren Freundes Emil Welti. Der Bundesrat diskreditierte seinen bisherigen Förderer und strich ihn von der Einladungsliste für die Feier des Gotthard-Durchstichs 1880 in Luzern. Escher starb verbittert im Jahr der Gotthard-Eröffnung 1882. Seinen Tunnel hat er nie durchfahren.

«König der Schweiz»

Schon ein Jahr später war es aber den Zürchern klar: Der epochalen Gestalt Escher, dem «König der Schweiz», gebührte ein Denkmal. Auf Anregung von Gottfried Keller wurde Richard Kissling 1883 mit dem Projekt beauftragt, 1889 wurde es eingeweiht.

Der geflügelte Zeitgeist landete indes erst 1907 in Luzern. Das als Gotthard-Monument konzipierte Figurenensemble – zur Seite die italienischen Steinhauer, muskulös den Hammer schwingend – sollte ursprünglich im See vorgelagert dem Direktionsgebäude der Gotthardbahn zu stehen kommen und seinen Sehnsuchtsblick nach Italien richten.

Schliesslich krönte es den Eingangsbogen des Kuppelbahnhofs. Nach dem Brand 1971 wurde die Kissling-Skulptur auf den zum See hin verschobenen Triumphbogen gestellt.

Kann Luzern eine Lehre daraus ziehen?

Was mich natürlich als GA-Pendler interessiert: Gibt es Lehren für heute aus dem – aus Luzerner Sicht – Gotthard-Debakel im 19. Jahrhundert? Schon damals träumte Luzern von grossen Bahnprojekten, versuchte mit einem Brückenschlag von anderen Ufern den direkten Anschluss an den Gotthard. Eisenbahnpläne zuhauf finden sich im Staatsarchiv. Mehrere Varianten zum Tiefbahnhof übrigens auch. Aber es blieben immer Seifenblasen.

Luzern schaut in die Röhre

Und jetzt? Steht nicht wieder die Planung für ein Tiefbahnhof-Projekt an, bei dem der Bund eine Alternativroute zu prüfen bittet? Luzern sieht dies als eine Formsache und glaubt, wie schon seit hundert Jahren an den Traum vom Tiefbahnhof.

Dabei zeigt auch der anstehende Fahrplanwechsel im Dezember, was die SBB von dem Bahnknoten Luzern halten. Nicht viel. Beim grossen NEAT-Projekt schaut Luzern, wie schon mehr als 130 Jahre zuvor, in die Röhre. Kein direkter Anschluss ins Tessin, keine Direktverbindung nach Milano. Luzern ist wieder einmal international abgehängt!

Delf Bucher


Schillernder Tell (8. Mai 2016)

Die Tell-Saga als Exportprodukt

Eine andere Sicht auf unseren Nationalhelden: die Tell-Saga als persisches Exportprodukt und Wilhelm in einem Vergleich mit Attentätern.

Ich bin «Papierli-Schweizer». Seit fünf Jahren habe ich den Schweizer Pass und bereits zuvor fühlte ich mich auf der Rütli-Wiese besonders wohl.

Erst jüngst sass ich da unter der knatternden Schweizer Fahne. Unter mir schimmert das milchige Türkis des Urnersees durch die Tannen. Der Föhn hat die Wolken hinter die Berggipfel geschoben. Die Schweiz braucht nur eine Wiese als Nationaldenkmal! – geht’s mir durch den Kopf. Fürs Monumentale

Die Umgestaltung zum Helden

So denke ich, eignet sich für mich als Neohelvetier und als echten Schweizermacher mein schwäbischer Landsmann Friedrich Schiller. Von ihm redet auch die Schülergruppe, der ich nahe der Rütli-Fahne zuhöre. Sie unterhält sich über die literarische Vorlage zur Tell-Geschichte aus dem dänischen Sagenschatz. Der Ur-Tell namens Toko sei ein Trunkenbold gewesen, erklärt eine Schülerin ihren Mitschülern. Treffsicher hat Schiller den Säufer zum Helden umgestaltet.

Für mich als Schwaben mit Schweizer Pass steckt in der Entstehungsgeschichte des Tell-Dramas ein besonderer Clou: Das Nationalepos der Schweizer hat ein Schwabe im wahrsten Sinne des Wortes erfunden. Denn Schiller setzte nie einen Fuss auf Schweizer Territorium. Seine Sehnsuchtsschweiz prägte für ihn das Bild eines besseren Deutschlands, das er anstrebte: Freie statt Geknechtete, Republik statt Monarchie und keine Duckmäuser, die Tyrannen duldeten.

Tell-Import

Nun sass ich letzte Woche bei der Buchvernissage im ZHB-Lesesaal im Vögeligärtli. Michael Blatter und Valentin Groebner stellten ihr neues Buch «Tell – Import – Export» vor. Und bald merkte ich: Mein Privatmythos hat etwas Nachhilfeunterricht verdient. In Sachen Tell muss ich umlernen.

Denn Tell kommt nicht aus Dänemark, sondern der Ur-Tell war ein Perser, wie die beiden Historiker erläuterten. Während der Luzerner Uni-Professor mit österreichischen Wurzeln, Valentin Groebner, sich mehr für die Import-Export-Geschichten interessiert, hat sich der Innerschweizer Michael Blatter, Stadtarchivar von Sursee, mehr der Rezeption des Tells auf heimischem Boden zugewandt.

Zuerst zur Tell-Saga als Exportprodukt. Der Apfelmythos ist ein globalisiertes Früchtchen. Sein Verkaufsstand befand sich in einem persischen Bazar und angepriesen wurde die Fabel vom Apfelschuss erstmals von einem Sufi-Dichter im 12. Jahrhundert. Damit ist schon das Leitmotiv des Buches bereitgestellt: Mit fliegendem Teppich aus dem Morgenland düst die Tell-Figur durch die kurzweilige Rezeptionsgeschichte. Der Blick der beiden Historiker auf den Teppich zeigt die verschiedenen Texturen, die der Zeitgeist in den Tell-Stoff einwebte.

Die problematische Revolutionsikone

Dass Tell nicht nur für den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft taugte, sondern durchaus subversiv und umstürzlerisch ausgelegt werden konnte, erläuterte an diesem Abend Michael Blatter. Er zeigt, wie eng die Entlebucher Anführer des Bauernkrieges von 1653 sich auf den Tell-Mythos bezogen und mit ihm selbst in ihre Idealrolle schlüpften. Da sie in ihre revolutionäre Rhetorik und propagandistische Inszenierung ganz viel Tell einwebten, führte das dazu, dass die populären Tellen-Lieder im Luzernischen verboten waren. Aber auch die Franzosen erinnerten sich am Vorabend der französischen Revolution an «Guillaume Tell».

Tell ist immer auch eine problematische Revolutionsikone. Seine dunkle Seite erläuterte Groebner. Er erinnerte daran, dass sich selbst der unselige Attentäter Lincoln in die Rolle des helvetischen Armbrustschützen und Tyrannenmörder hineinfabelte. Und was derzeit für die aktuelle Debatte um das klandestine Geheimabkommen zwischen palästinensischen Al-Fatah-Kämpfern und der Schweizer Regierung Anfang der 1970er-Jahre von Bedeutung ist: Auch die Flugzeugentführer sahen sich als Nachfahren von Tell. Groebner dazu: «Tell liefert auch immer die Lizenz zum Töten.» 

Der Mann mit der Armbrust kann ein Freiheitskämpfer oder Attentäter sein, er kann den Nationalhelden geben wie auch der Bannenträger der Rechtspopulisten sein. Eines ist den vielen Tell-Erzählern gemein: Sie adaptieren eine saftige Geschichte, die mit ihren vielen Leerstellen einlädt, immer wieder neue Ornamente in den Teppich zu knüpfen.

Delf Bucher


Die wollene Utopie auf der St. Karli-Brücke (25. Februar 2016)

Ein multikultureller Hotspot

Im Oktober 2015 war es so weit: Die St. Karli-Brücke, die den schattigen Untergrund mit dem sonnigen Bramberg verbindet, war in ein buntes Wollkleid gehüllt. Die Aktion der katholischen Kirchgemeinde St. Karl passt gut zum Multikulti-Quartier. Denn die grauen Geländerstäbe waren nun mit den Farben der Fahnen von 30 Nationen eingehüllt.

So richtig korrekt wären natürlich 76 Nationalflaggen gewesen. So viele Nationen zählt man zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse im Untergrund. Ein multikultureller Hotspot, nicht nur der Zentralschweiz, sondern der Deutschschweiz. Das Quartier hat mit 54 Prozent den höchsten Ausländeranteil Luzerns und weist die höchste Dichte an Migranten in der Deutschschweiz auf. Selbst die Zürcher Langstrasse kann das mit einem Ausländeranteil von knapp 41 Prozent nicht toppen.

Das passte nicht allen

Nun leben die Nationen in trauter Völkereintracht verstrickt und verbunden auf der Brücke über der Reuss zusammen. Aber der idyllische Brückenschlag klappte nicht ganz. Die zueinander zugewandten Fahnen Palästinas und Israels waren wohl einem Passanten ein Dorn im Auge. Das blau-weisse Wollgewand mit Davidstern wurde von ihm zerrissen. Hallt da der lange in der Innerschweiz verbreitete Antijudaismus nach? Noch Mitte der Neunzigerjahre, als ich nach Luzern zügelte, druckte die Luzerner Zeitung einen Leserbrief ab, in dem die Juden für den Kreuzestod von Jesus Christus verantwortlich gemacht wurden. 2016, also 20 Jahre später, sind antisemitische Reaktionen eher selten. Man erinnert sich noch daran. Beispielsweise ein Lehrer aus Willisau, der mit dem Untergrundgang eine Tour machte. Als wir an der mittlerweile geschlossenen koscheren Metzgerei in der Bruchstrasse einen Stopp einlegten, erzählte er eine traurige Anekdote aus seiner Kindheit. Damals habe ihn seine Mutter geraten, beim Luzernbesuch einen Bogen um das jüdische Kaufhaus Manor (damals noch Nordmann) zu machen.

Manchmal köchelt indes auch aktuell das antijüdische Ressentiment hoch. Als wir Untergrundgänger 2001 vor der Koschermetzgerei Halt machten, war das just zu dem Zeitpunkt, in dem das  geplante Tierschutzgesetz diskutiert wurde. Nach dem Willen des Bundesrates hätte das Schächten nach religiösen Vorschriften erlaubt werden sollen. An diesem Vorstoss machte mancher Teilnehmer ein grosses Fragezeichen. Bei der Debatte ums Schächtverbot ist es immer schwierig zu entscheiden, ob hier über Tierschutz oder über Vorurteile gegenüber Juden diskutiert wird.

Antisemitismus unter Jungen wächst

Vor zwei Wochen traf ich den Judaistik-Professor Alfred Bodenheimer, der auch mit seinem Detektiv Rabbi Klein derzeit als Krimi-Autor Furore macht und heute das Zentrum für jüdische Studien in Basel leitet. Er sagte zu dieser Gratwanderung: «Typisch für die Schweiz ist es, dass sich die Debatten immer wieder an Sachfragen wie Schächten oder Beschneidung entzünden.» Eines sei aber der beste Lackmus-Test für die gelungene Ankunft der jüdischen Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft: «Als Ruth Dreifuss zur Bundesrätin gewählt wurde, war ihre jüdische Herkunft kein Thema.»

Was Bodenheimer, der früher auch in Luzern lehrte, dagegen etwas verstört: der wachsende Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Viele Studien weisen dies aus. Immerhin ist die Schweiz mit einem überwiegend hohen Anteil europäischer Muslime weniger betroffen.

Einen Tag später will es der Zufall, dass ich die palästinensische Schülerin Lamar Elias treffe. Die begabte Geigerin konzertierte mit dem palästinensischen Jugendorchester in der Schweiz. Die 16-Jährige ist Christin und besucht die deutschsprachige, lutherische Schule in Beit-Jala, das längst mit Bethlehem zusammengewachsen ist. Wenn Lamar Elias aus dem Schulfenster schaut, streckt sich über den ganzen Horizont ein endloses Band aus Beton. «Seit ich geboren bin, kenne ich nichts anderes, als eingemauert zu sein», sagt sie. Was ihre Situation aber von vielen anderen Palästinensern unterscheidet: Sie bereitet sich in der Missionsschule auf das deutsche Abitur vor und da steht der Holocaust auf dem Lehrplan. Mir selber ist es bei einem Besuch in Palästina aufgefallen: Selbst weltoffene Palästinenser machten ein Fragezeichen an der jüdischen Opferzahl von sechs Millionen beim Holocaust. Für Lamar Elias ist hingegen klar: «Der Holocaust darf nicht geleugnet werden.»

Historische Aufklärung ist wichtig

Bei Lamar Elias hat die historische Aufklärung ihr Ziel erreicht. Was mich als Historiker aber interessiert: Kann das Wissen der Geschichtsforschung massenwirksam werden? Weder die neuen Historiker Israels haben den kollektiven Mythos ankratzen können, dass im ersten Krieg 1948 zwischen Araber und Israel der kleine David gegen Goliath antrat. Noch so viele Dokumente, die das planerisch-expansive Vorgehen der verschiedenen bewaffneten Untergrundgruppen gegen palästinensische Siedlungen beweisen, erschütterten diesen Glauben. Auf der anderen Seite wollen viele Palästinenser trotz einer nicht bestreitbaren Evidenz den Holocaust leugnen und damit den Umstand, dass die Juden aus grösster Not in das Land, das sie seit 2000 Jahren in ihrer Diaspora als das von Gott verheissene Land angesehen haben, flüchteten?

Jetzt aber zurück zur St.-Karli-Brücke. Wir können es uns als europäische Zaungäste des Nahost-Konflikts erlauben, die beiden Flaggen, die sonst nirgendwo in der Welt gemeinsam vor UNO-Gebäuden oder sonstigen internationalen Institutionen gehisst werden können, nebeneinander zu stellen. Wir können jüdisches Leid und palästinensisches Leid anerkennen. Statt aber Einfühlungsvermögen für beide Seiten zu empfinden, ist die Nahost-Debatte auch bei uns meist polarisiert – das Zerstören der Israel-Fahne beweist es. Statt dass wir uns selbst historisch aufklären und die vertrackte Geschichte der beiden Völker anerkennen, nehmen wir für die eine oder andere Seite Partei. Die Strickfrauen der St.-Karli-Gemeinde machen da nicht mit. Sie haben wieder die israelische Flagge restauriert und bekunden mit ihrer wollenen Utopie: Wir werden alles tun für den schwierigen Brückenschlag zweier verfeindeter Völker.

Delf Bucher


Vergessene Sternstunden der Solidarität (24. November 2015)

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ein Rückblick auf die früheren Luzerner Asyl- und Flüchtlingssituationen.

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Besonders scharfe Töne schlägt der für die Flüchtlinge verantwortliche Guido Graf an, welcher der Partei mit dem hohen «C» angehört. Vergessen sind die Bibelsprüche der Sonntagsschule, in denen Jesus ein Manifest der Solidarität verkündete: «Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war gefangen, ihr habt mich besucht, ich war durstig, ihr habt mir zu trinken gegeben.» Nein, die in ihrem Wehrdienst versklavten Eritreer sind des Flüchtlingsstatus nicht würdig. Und dieser an Bundesrätin Sommaruga gerichtete Appell, das gibt Graf unumwunden zu, geschieht aus Rücksicht auf die Öffentlichkeit.

Das war nicht immer so in Luzern

Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ja, die Luzernerinnen und Luzerner haben wahre Sternstunden der Solidarität erlebt. Blenden wir zurück in die kalten Februartage 1871. Damals herrschte wirklich das, was dem Wortsinn nach «Asylchaos» bedeutet. In der Stadt Luzern war bereits die Kaserne mit 1'500 französischen Soldaten der Bourbaki-Armee gefüllt. Und im Regierungsrat herrschte am 7. Februar grosse Nervosität. Denn besonders die Innerschweizer pflegten den Kantönligeist, schickten die ihnen zugewiesenen Soldaten zurück. Ihr Argument: Aus Yverdon sei ihnen keine klare Order gegeben worden. Der Luzerner Regierungsrat telegraphierte deshalb an das Oberkommando in Yverdon – ein Bundesamt für Migration gab es nicht: «Wir ersuchen um behördlichen Bericht, wohin die zuviel hierher gesandten französischen Soldaten befördert werden sollen.»

Spitäler sind gefüllt, auch in der Reithalle, die kantonale «Rosskaserne», drängen sich die Flüchtlinge. In der Not öffnet sich die Jesuitenkirche. Zwei riesige Scheiterhaufen in der Kirche sollen die garstige Kälte etwas mindern. Aber wie werden die französischen Flüchtlinge versorgt? In dieser improvisierenden Situation übernimmt die Luzerner Bevölkerung die Regie. Denn die Ankunft der hungernden Flüchtlinge macht in der Stadt schnell seine Runde und die Luzerner eilten schon bald mit Lebensmitteln der Jesuitenkirche zu. Später schreibt die «Luzerner Zeitung»: «So hat denn auch Luzern dieser Tage hindurch ein herrliches Schauspiel geboten. Abgesehen von der Wohltätigkeit gegen schon früher hier Internierte, war besonders am letzten Freitag erbauend zu sehen, wie ganze Gruppen von Stadtbewohnern mit Gaben der Jesuitenkirche zuzogen, wo vom 9. auf 10. Februar 1'100 Soldaten übernachteten. Besonders zeigte sich unter der Damenwelt ein herrlicher Wetteifer in den verschiedensten Übungen der Nächstenliebe.»

Dank Luzern der Naziarmee entronnen

Ein weiteres Beispiel aus der dunklen Zeit des heraufziehenden Weltkrieges. Hier benutzten Bürgergemeinde und politische Gemeinde der Stadt Luzern die Einbürgerung als Hebel, um junge Ausländer vor der Einberufung in den Krieg zu bewahren. Entgegen der Weisung des obersten eidgenössischen Fremdenpolizisten Heinrich Rothmund, mit Härte allen einbürgerungswilligen Ausländern im wehrpflichtigen Alter ihre Gesuche abzulehnen, sagte der damalige Luzerner Stadtpräsident Max S. Wey: «Trachten wir danach, die jungen Ausländer durch Erteilung des Bürgerrechts an uns und unsere Einrichtungen zu fesseln statt sie durch Abweisung in die Arme ausländischer Vereine zu treiben.» Mit den ausländischen Vereinen waren die nazinahen Organisationen oder Pro-Mussolini-ausgerichteten Clubs der deutschen und italienischen Kolonie in Luzern gemeint. Tatsächlich wurde ein besonderes Augenmerk auf die Nähe der Antragsstellern zu den faschistischen Regimen gerichtet. Verklausuliert wurden die politisch motivierten Ablehnungen protokolliert. Da heisst zum Beispiel: «Immer noch Preusse!» Glück dagegen hatte der in Luzern aufgewachsene Roland Schwarzbach, dem trotz schon überstellten Stellungsbefehl der Nazi-Wehrmacht, das Bürgerrecht 1940 erteilt wurde – gegen die Order des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

Rosengart-Museum als Geschenk

Würde aber heute Rothmund im Bundesamt für Migration sitzen, würde er in Luzern auf offene Ohren stossen. Wenn es auch problematisch ist, die totalitäre Diktatur Eritreas mit der NS-Terrorherrschaft in Deutschland zu vergleichen, sticht die argumentative Nähe der Grafschen Argumentation mit der von Heinrich Rothmund ins Auge. Erinnern wir uns: In den düsteren Zeiten verweigerte Rothmund den jüdischen Flüchtlingen die Anerkennung als politische Flüchtlinge, weil dies den heimischen Antisemitismus noch mehr befördern könnte. Ähnlich begründet heute Regierungsrat Graf seinen geforderten Eritreer-Stopp mit der Reaktion der Öffentlichkeit.

Das Gute zum Schluss: Luzern selbst ist dank seiner liberalen Einbürgerungspraxis ein grosses Geschenk zuteil geworden – das Rosengart-Museum. Der jüdische Kunsthändler Siegfried Rosengart-Müller wurde 1934 eingebürgert, zu einer Zeit, in der dies in manch anderen Gemeinden längst keine Selbstverständlichkeit mehr war.

Delf Bucher


Grosse Feier zum Jubiläum (25. September 2015)

Am 25. September 2015 feierten wir unseren 20. Geburtstag. Der Abend begann mit einem Gehexperiment. Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen von der Agentur für Gehkultur erforschte mit uns und einigen unserer WeggefährtInnen den Untergrund. Dabei entdeckten selbst wir einige Dinge, die unseren Sinnen bisher verborgen blieben. Das eigentliche Fest stieg darauf im Sentisaal. Zu portugiesischen und mexikanischen Leckereien spielten das MiRabellen-Duo und The Knocked Out Rhythms.


Genossenschaften und Bocciabahn unerwünscht! (15. August 2015)

Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Genossenschaftliches Wohnungswesen hat sozialen Mehrwert

Für mich ist klar: Genossenschaftlich organisiertes Wohnungswesen hat einen sozialen Mehrwert. Das hat auch der Alt-Stadtrat und heutige abl-Präsident Ruedi Meier deutlich gegenüber der NLZ herausgestrichen: «Hier wird versucht, die auf privaten Mehrwert ausgerichteten privaten Interessen gegen die Gemeinnützigkeit der Wohnbaugenossenschaften auszuspielen. Man muss einfach sehen: Mit dem Baurecht gehört das Land weiterhin der Stadt. Und diese profitiert alljährlich von einem Baurechtszins. Das ist sehr nachhaltig.»

Was vielen unbekannt sein dürfte: Die abl hat an der Bernstrasse eine lange Geschichte, die bereits vor 90 Jahren Hausbesitzer auf die Barrikaden trieb. Denn schon 1927 baute die Genossenschaft dort Häuser.

Die Geschichte der abl

Zur Vorgeschichte: Als die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg grassierte, mobilisierte die Sozialdemokratie mit einer städtischen Volksinitiative. Ein kommunales Wohnungsprogramm sollte erschwingliches Wohnen möglich machen. Die liberal dominierte Stadtregierung wetterte gegen die «sozialistische» Initiative. Aus Angst, dass die Forderung aber bei Mietern und der Arbeiterschaft auf gute Resonanz stossen könnte, erarbeitete der Grosse Stadtrat einen Gegenvorschlag: Kein städtischer Wohnungsbau, dafür aber mehr städtisches Engagement für den genossenschaftlichen Wohnungsbau. Dank öffentlicher Gelder startete so die als Selbsthilfeorganisation gegründete abl 1924 durch. Hinter den Initianten standen die gewerkschaftlich gut organisierten Eisenbahner und der Luzerner Mieterverband. Bereits im September 1925 konnten am Neuweg die ersten Wohnungen bezogen werden. Weitere Wohnhäuser folgten in den Gevierten Bundes-, Bleicher- und Himmelrichstrasse.

Das ästhetische Gefühl der Bernstrasse

1927 streckte die abl dann ihre Fühler in das traditionelle Arbeiterinnen- und Arbeiterquartier Luzerns, den Untergrund, aus. An der Sagenmattstrasse sollten vier fünfgeschossige Wohnblocks entstehen, mit zusammen 76 Wohnungen und integrierten Verkaufslokalen im Erdgeschoss. Das Baugesuch der abl sorgte für Wirbel im Quartier. Der Quartierverein Bernstrasse reklamierte bei der Stadt, dass die Häuser zu hoch seien. Und die Fassaden sollten gegen die Bernstrasse so gestaltet werden, «dass sie das ästhetische Gefühl nicht verletzen». Vor allem störte man sich an den Küchenbalkonen, die auf die Bernstrasse hinausgingen. Der Grund: Solche Küchenbalkone würden «bekanntlich für Wäschehängen benützt».

Die im Quartierverein zusammengeschlossenen Gewerbetreibenden und Hausbesitzer opponierten aus ganz handfesten Eigeninteressen gegen das Projekt. Denn sie witterten beispielsweise in der im Erdgeschoss des einen Hauses vorgesehenen Metzgerei eine Konkurrenz. So heisst in einer Eingabe an die Stadt: «Die steuerzahlenden Gewerbetreibenden verstehen es nicht, wenn in einem mit öffentlichen Mitteln erstellten Haus ein Gewerbe- oder Verkaufslokal eingerichtet würde.»

Keine Lärm verursachenden Spiele auf den freien Plätzen

Auch die Aussicht, dass bald italienische Familien in die Siedlung einziehen könnten, scheint für Ängste im Quartier gesorgt zu haben. Deshalb solle die Stadt den «Betrieb sogenannter Italiener Cucine oder ähnlicher Kleinwirtschaftsbetriebe» verbieten und ein Auge darauf halten, dass «auf den freien Plätzen keine Boccia- oder ähnliche, Lärm verursachende Spiele betrieben werden dürfen».

Der Stadtrat schloss sich diesen Forderungen an. Im Erdgeschoss durften kein Metzgereilokal und keine Cucina einziehen. Die abl musste ausserdem in den Mietverträgen das Aufhängen von Wäsche auf den Küchenbalkonen Richtung Bernstrasse verbieten und in der Umgebung der Bauten Ordnung und Reinlichkeit überwachen. Auch wurde das Projekt stark redimensioniert.

Viel mehr Harmonie

Heute ist das Klima zwischen abl und Stadt Luzern harmonischer. Wenigstens bekundete der Stadtpräsident Stefan Roth bei der letzten abl-Generalversammlung die juristische Zwängerei von Schumacher als «mühsam» und lobte die Genossenschafter: «Die Stadt braucht die abl, denn sie hat die notwendige Dynamik.»

PS: Der heutige abl-Präsident Ruedi Meier hat als Mitinitiant der Broschüre «Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank ... Bilder aus dem Luzerner Untergrund» den Impuls gegeben, den UntergRundgang zu gründen. Im September sind es dann 20 Jahre, dass wir Quartiergeschichten recherchieren und auf die Strasse bringen. Die Infos zu diesem Blog sind dem Beitrag von Mischa Gallati aus der Broschüre «Blattgold und Blechnapf» (2005) entnommen.

Delf Bucher


Gästival: Kein Urknall für die Tourismusgeschichte (14. Mai 2015)

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Ob man dieser aber gerecht wird, sei dahingestellt.

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Noch ist es zu früh, um sich ein abschliessendes Urteil zu erlauben. Aber eine Prognose will ich jetzt schon wagen: Ein Urknall für die sonst so stiefmütterlich behandelte Tourismusgeschichte wird mit dem Event später kaum verbunden werden. Immerhin gibt es von Martino Fröhlicher, der schon lange im Dienste von «Viastoria» die historischen Wege der Schweiz erforscht, einen Kulturführer «Waldstätterweg». Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der Albert-Koechlin-Stiftung (AKS). Und auf der ebenfalls mit Geldern der AKS eingerichteten Homepage, www.waldstaetterweg.ch, werden unter der Rubrik «Lernen unterwegs» nicht nur berühmte Gäste sowie Hotel- und Bergbahnpioniere vorgestellt, sondern auch das sozialgeschichtliche Thema der Werktätigen der Tourismusindustrie aufgearbeitet. Ausserdem steht mit der theatralisch-inszenierten Show auf der Seerose, eingerichtet von Ueli Blum, sicher ein erster, kurzweiliger Einblick in die Gästekultur der Zentralschweiz auf der Bühne. Aber gerade in der wenig industrialisierten Zentralschweiz, mit ihrer wirtschaftlich enormen Wertschöpfung im Fremdenverkehr, hätte man sich eine grosse Ausstellung und vor allem eine umfassende Monographie gewünscht.

Das Beispiel Schindler demonstriert Luzern als Fremdenstadt

Wir vom UntergRundgang – im Quartier zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz unterwegs – berühren immer wieder die Tourismusgeschichte. Selbst die ehemaligen Schindlerwerke, die sich zuerst auf der Reussinsel und später in der Sentimatt, zum grössten Arbeitgeber der Stadt Luzern entwickelten, sind ein Produkt des Fremdenverkehrsbooms. Denn, erst der Hotelboom gab den Anstoss Aufzüge herzustellen. Und dass sich die Stadt Luzern als Fremdenstadt verstand, spiegelt auch der Entscheid des Stadtrates im Jahr 1950 wieder: Damals wurde Schindler verwehrt, seine neue Fabrik auf der Allmend zu bauen.

Die helfenden Hände schliefend im Untergrund Quartier

Was uns Lokalhistoriker schon immer beschäftigte, hat Bertolt Brecht so formuliert: «Wer baute das siebentorige Theben?/ In den Büchern stehen die Namen von Königen./ Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?» Auf die Luzerner Tourismusgeschichte gemünzt heißt das: Wer hat die Hotelpaläste gebaut, wer bügelte die viele weisse Wäsche, servierte und kochte, wer schleppte die Koffer ins Hotel oder auf einer Sänfte die Königin Victoria in die Pension «Wales», gleich neben dem heutigen «Chateau Gütsch». Viele von diesen Bediensteten haben im Quartier Untergrund zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse gewohnt. Die von der Stadt erstellte Wohnungsenquete, gefertigt um 1900, gibt Auskunft, dass gerade in der Sommerzeit das Schlafgängerwesen in der Basler Strasse weit verbreitet war. D.h. italienische Saisoniers wechselten sich ab, um eine Schlafstatt zu dritt zu belegen oder, anstelle des regulären Wohnungsinhabers, tagsüber das Nest gegen ein Entgelt zu nutzen. Denn gerade wenn die Sommersaison rund lief, brauchte es viele helfenden Hände von Billigarbeitern in der Tourismusindustrie. Betten dagegen fehlten.

Die saisonale Schwankung illustrieren zwei Zahlen sehr gut: So zählte die eidgenössische Volkszählung im Winter 1910 1’732 Beschäftigte in Gasthöfen, alkoholfreien Restaurants und Cafés. Die im Sommer 1905 durchgeführte eidgenössische Betriebszählung wiederum ermittelte eine Zahl von 3’070 Beschäftigten im Gastwirtschaftswesen. (Quelle: Hans Ruedi Brunner, Luzern – Gesellschaft im Wandel aus dem Jahre 1981 – immer noch das Beste zu Luzerner Tourismusgeschichte!).

«Union Helvetia» etablierte sich in Luzern

Viele der Arbeitskräfte kamen aus dem Ausland. Dass sich gerade in der Fremdenverkehrsmetropole Luzern die Gewerkschaft «Union Helvetia» etablierte, ist kein Zufall. Mit dem Bau der Gotthard-Strecke – ebenfalls mehrheitlich «Made in Italia» – gelangten immer mehr Italiener und Deutsche im Sommer nach Luzern und schauten sich nach Arbeit um. Deshalb wurde die «Union Helvetia» im Jahr 1889 als Abwehrorganisation gegen die Überfremdung im Hotelgewerbe gegründet. Die ausländischen Saisoniers verdingten sich oft zu ausbeuterischen Löhnen und konkurrenzierten damit die heimischen Berufsleute.

In der Zeitung der «Union Helvetia» wird immer der Almosencharakter der Trinkgelder beklagt, der Trinkgeld-Bettel angeprangert. Tatsächlich argumentierten viele Hoteliers und Restaurantbesitzer mit dem zu erwartenden Trinkgeld, um ihre Löhne tief zu halten. Und so wie es heute das Praktikantenwesen gibt, gab es damals das Volontärswesen. Die Volontäre in den Hotels erhielten keinen Lohn, dafür wurde argumentiert, dass sie durch das Erlernte entschädigt wurden. Die Kochlehrlinge mussten oft noch Lehrgeld zahlen oder die Kellner ihre eigenen Livrées stellen.

Ein Kampf gegen die technischen Fortschritte

Ein gnadenloser Konkurrenzkampf tobte auch zwischen den Drosckenkutschern und Dienstmännern (Gepäckträger). Vor allem, als dann noch das Automobil mit dem Taxi dazu kam, war das für die Rössli-Kutschen ein Einschnitt – wie heute für das Taxigewerbe international das Aufkommen des Internetdienstes «Uber». Eine ähnlich technologische Zäsur hat sich übrigens auf der Rigi ereignet – historischer Ausgangspunkt des Gästival. Als 1871 die Rigibahn eröffnet wurde, haben über Nacht mehr als hundert Rigiträger, die bisher die Koffer und Rucksäcke der gut betuchten Touristen auf die Königin der Berge schleppten, ihren Job verloren.

Delf Bucher


Einstürzende Altbauten (13. März 2015)

Da wo soziale Unterschichten sich in engen Wohnungen drängen, Gestank und Lärm die Lebensqualität mindert, da schaut auch der Heimatschutz von Luzern nicht mit Argusaugen auf schützenswerte Gebäude. Zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz herrscht seit Jahrzehnten die Radikalkur mit oft zweifelhaft architektonischen Ergebnissen vor.

Da wo soziale Unterschichten sich in engen Wohnungen drängen, Gestank und Lärm die Lebensqualität mindert, da schaut auch der Heimatschutz von Luzern nicht mit Argusaugen auf schützenswerte Gebäude. Zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz herrscht seit Jahrzehnten die Radikalkur mit oft zweifelhaft architektonischen Ergebnissen vor.

Wir beginnen mit einer Tour am Kasernenplatz. Hier erinnert nur noch der Name an die einst grosse Kaserne für 1’600 Soldaten. 1971 hantierten hier die Baggerführer und Sprengmeister. Auch das Hochstrasser-Haus, ein «dominanter Kopfbau zwischen Gothik und Jugendstil», so Beat Wyss, musste der neuen Auffahrt der Nationalstrasse weichen, wie auch das Waisenhaus, das nun als Replikat das Naturmuseum beherbergt. 

Von der Bruchstrasse zur Abbruchstrasse

Bald wird unser kleines Grüppchen von Historikern, Volkskundlerinnen und Quartierkennern auch in der Bruchstrasse 20 Archivbilder hochhalten. Denn 2017 wird hier die Abrissbirne regieren und das 1864 gebaute «Haus am Bruch» in ein «Haus des Abbruchs» verwandeln. Für ein denkmalschützendes Gütesiegel hat es nicht gereicht. «Von keinerlei historischer Bedeutung» heisst das Todesurteil des Stadtarchitekten.

Was eben zeigt: Für die Denkmalschützer steht ganz und gar das ästhetisch-architektonische im Vordergrund. Dass auch Häuser armer Leute Geschichte erzählen können, kommt bei der Beurteilung kaum zum Zug. Der «Schützengarten» hält aber viele Geschichten bereit. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war hier der Viehmarkt. Knechte und Kleinbauern versammelten sich im Schützengarten, die reichen Bauern und Viehhändler nicht weit davon im «Galliker». Noch Anfang der 1990er Jahre wurde diese Tradition auf der Speisekarte hochgehalten und war das Restaurant in der Bruchstrasse 20 das einzige Lokal, indem man «Alpeneier» (sprich: Munihoden) bestellen konnte.

Das alte Gebäude des Luzerner Tagblatt, sozusagen für mehr als ein Jahrhundert das Kraftwerk freisinniger Lokalpolitik, ist 2002 auch dem schnellen Zyklus der einstürzenden Altbauten geopfert worden. Von dort aus hatte ein Lokaljournalist auf die Bruchstrasse ein Bild geschossen. Traktoren und Viehtransporter stauten sich dort immer zu Wochenanfang. Viehmarkt-Zeit! Den Duft von Mist in der Nase provozierte in der Redaktion immer wieder Artikel zu den Fragen: Sind die mit Kuhfladen übersäten Strassen einer Fremdenstadt wie Luzern würdig? Sind die Zustände nicht hygienisch bedenklich? 1971 musste dann der Viehmarkt weichen.

Carl Spitteler an der Bruchstrasse 20

Eine ganz andere Geschichte wird mit dem Abriss ausgelöscht: die Jugendwirren Carl Spittelers. Im Spätherbst 1864 stand er zerlumpt und psychisch verwirrt vor dem neu errichteten Haus. Der l9-Jährige war zwei Monate zuvor aus dem Elternhaus geflüchtet, irrte mit kaum Geld im Portemonnaie in der Schweiz herum, bis er schliesslich in Luzern völlig erschöpft anlangte. «Da fand ich bei edlen Menschen Asyl», sollte der Literaturnobelpreisträger später bekennen. Sein Freund Josef Viktor Widmann hatte ihm die Adresse des Luzerner Fotografen Gerold Vogel, wohnhaft im Parterre der Bruchstrasse 20, zugesteckt. Vor allem aber die junge Frau des Luzerner Beamten und Hausbesitzers, Josefa Rüegger, sollte Spitteler zur Seite stehen, um aus seiner Lebenskrise herauszufinden – ein biographisches Schlüsselerlebnis, das den arrivierten Dichter veranlasste, 1892 seinen Wohnsitz in Luzern zu nehmen.

Delf Bucher


Friedensburg am Freiheitssee (2. Januar 2015)

Auf dem Schlachtfeld und im Schützengraben brachten Weihnachtslieder die Soldaten zur Besinnung ihres gemeinsamen Fundaments. Auch im heutigen SUVA Gebäude in Luzern, wo Kriegsverletzte behandelt wurden, war eine Verbrüderung zu beobachten. Diese Wende im Kriegsverlauf veranlasste den schwerreichen Bloch, in Luzern ein Friedensmuseum zu erstellen – mit bleibenden Folgen.

Frieden auf Erden - diese weihnachtliche Maxime der Engel an die Hirten von Bethlehem hatte vor genau hundert Jahren eine berührende, aber auch groteske Nachwirkung auf den belgischen und französischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Das Singen von Weihnachtsliedern diesseits und jenseits des Schützengrabens brachte das gemeinsame christliche Fundament den verfeindeten Soldaten vor Augen. Britische und deutsche Soldaten warfen sich Süßigkeiten zu, montierten an der Brustwehr ihre Schützengräben einen Tannenbaum, vereinbarten das Bergen der Leichen im Niemandsland, um später gemeinsam Weihnachtslieder zu singen.

Die weihnachtliche Verbrüderung im Schützengraben erinnert an eine Luzerner Szene: Auf einem Foto, das sich in der Sondersammlung der Zentralen Hochschulbibliothek Luzern findet, posieren vergnügt drei Soldaten – ein Deutscher, ein Brite und ein Franzose. Kein Hass funkelt aus den Augen, sondern mit ihren Strahlegesichtern lächeln sie die Absurdität des Krieges weg. Zu der Begegnung von Soldaten der Entente- und Mittelmächte ist es gekommen, da im SUVA-Gebäude verletzte Armeeangehörige operiert wurden.

Das Friedens- und Kriegsmuseum von Bloch

Wenn die drei Soldaten (im Hintergrund des Fotos ist das Musegg-Tor zu sehen) wenige Schritte weiter gelaufen wären, hätten sie das Internationale Friedens- und Kriegsmuseum passiert. Hier wurde schon seit 1902 das vorausgesagt, was nun für die drei Soldaten Wirklichkeit geworden ist. Das sinnlose Sterben, das Verharren im Stellungskrieg, das keine Entscheidungsschlacht mehr möglich macht. Der Visionär des «grossen Kriegs» hiess Jan Bloch. Auf 3’400 Seiten in sechs Bänden, mit Grafiken, Statistiken und Illustrationen reichlich unterfüttert, wollte er detailversessen seine Idee propagieren: Der Krieg sei im Zeitalter der Industrialisierung nicht länger als «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» (Clausewitz) denkbar. Sein Horror-Szenario traf mit hundertprozentiger Trefferquote ein: Viele europäische Königshäuser stürzten, Europa verharrte für Jahrzehnte in der wirtschaftlichen Misere und es wurde in Millionenzahl getötet, wie noch nie zuvor in den Kriegen der Menschheitsgeschichte.

Ironie der Geschichte: Vor 1914 war es noch schwer, Zeugnisse von der zerstörerischen Wirkung des totalen Krieges zu geben. Später dann, als nach 1918 Friedensmuseen überall in Europa entstanden und mit den Bildern von zerschossenen und deformierten Schädeln des realen Ersten Weltkriegs «Zeugnis gegen den Krieg» ablegten, schloss das Luzerner Museum seine Pforten für immer. Noch heute erinnert der Ritter, der seine Waffen niederlegt, am Fluhmatt-Schulhaus an das Museum.

Wie aber ist das Museum ausgerechnet nach Luzern gekommen?

Luzern scheiterte bei seinem Versuch, das Schweizerische Landesmuseum nach Luzern zu holen. Als Schweizer Offiziere den Stadtoberen und Hoteliers steckten, dass der schwerreiche Bloch, er hatte sein Geld im russischen Eisenbahnbau verdient, einen Ort sucht, um international seine Friedensidee zu propagieren, meldete flugs Luzern sein Interesse an.

Erfolgreich. Denn bereits 1902 ging das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum (IKFM) auf, damals noch auf dem Terrain des heutigen KKL. Merkwürdig kam das Museum schon rein äusserlich daher: als eine Art Raubrittergotik mit Zinnen und Türmen. Dieser Fassadenschwindel aus Holz wurde eigens ein Jahr zuvor für das Eidgenössische Schützenfest errichtet. Und der Pulverdampf des vergangenen Eidgenössischen sollte auch der «Friedensburg am Freiheitssee» (Luzerner Tagblatt) anhaften.

Unverkennbar schimmerte bei der Konzeption des Museums die Handschrift der Schweizer Offiziere durch. Kanonen, Feuerwaffen aller Epochen, Schlachtenszenen aus Pappmaché fanden sich in dem Museum. Selbst die gespaltenen Schädel von der Schlacht in Dornach 1499 waren in den Vitrinen platziert. Das katholisch-konservative Luzerner «Vaterland» schreibt dann auch etwas irritiert: Man werde vielleicht «bei oberflächlicher Durchsicht des jetzt schon ausserordentlich reichhaltigen und darum höchst sehenswerten Museums finden, dasselbe sei eigentlich kein Friedens-, sondern ein Kriegsmuseum», um dann festzustellen: «Aus dem Abscheu vor dem Krieg folgt die Liebe zum Frieden.»

Dann kam der Zusammenbruch – auch im Tourismus

Dass rührige Leute wie Jacob Zimmerli und Mitglied des Verwaltungsrates der Museums-AG oder Stadtpräsident und Hotelier Hermann Heller die Lancierung des IFKM betrieben, zeigt auch eines: Auch ganz profan pekuniären Interessen können manchmal edle Bestrebungen fördern. Was die Hoteliers in der «Belle Epoque» noch nicht wussten: Der von Bloch prophezeite ökonomische Zusammenbruch des europäischen Wirtschaftssystems sollte auch der Luzerner Glanzzeit des Tourismus ein Ende bereiten und für viele Hotels den Ruin bedeuten. 1916 – wieder schimmern die materiellen Interessen für ideelle Zwecke durch – reklamierten die Hoteliers ganz humanitär, Internierte aufzunehmen, um etwas Geld in ihren leeren Hotelkästen zu verdienen. Die Seeburg füllte sich so beispielsweise mit britischen Soldaten. 1918 war es aber endgültig mit der internationalen Gästeschar vorbei: Der Krieg hatte, wie es Bloch prophezeite, Europa ökonomisch ausgezehrt. Kaum ein Europäer, der 1914 erwachsen war, sollte jemals in seinem Leben einen vergleichbaren Wohlstand erreichen wie vor dem Krieg. Luzern mutierte in der Zwischenkriegszeit zur Schweizer Tagestourismus-Destination.

Delf Bucher


Viele unserer Blogbeiträge sind ebenfalls im «Damals-Blog von zentralplus erschienen.