Auf dem Schlachtfeld und im Schützengraben brachten Weihnachtslieder die Soldaten zur Besinnung ihres gemeinsamen Fundaments. Auch im heutigen SUVA Gebäude in Luzern, wo Kriegsverletzte behandelt wurden, war eine Verbrüderung zu beobachten. Diese Wende im Kriegsverlauf veranlasste den schwerreichen Bloch, in Luzern ein Friedensmuseum zu erstellen – mit bleibenden Folgen.

Friedensmuseum Luzern
Die Postkarte Luzern und die Alpen zeigt das Friedensmuseum, wo heute das KKL steht (Bild: zvg)

Frieden auf Erden – diese weihnachtliche Maxime der Engel an die Hirten von Bethlehem hatte vor genau hundert Jahren eine berührende, aber auch groteske Nachwirkung auf den belgischen und französischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Das Singen von Weihnachtsliedern diesseits und jenseits des Schützengrabens brachte das gemeinsame christliche Fundament den verfeindeten Soldaten vor Augen. Britische und deutsche Soldaten warfen sich Süßigkeiten zu, montierten an der Brustwehr ihre Schützengräben einen Tannenbaum, vereinbarten das Bergen der Leichen im Niemandsland, um später gemeinsam Weihnachtslieder zu singen.

Der polnische Visionär Jan Bloch (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Der polnische Visionär Jan Bloch (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Die weihnachtliche Verbrüderung im Schützengraben erinnert an eine Luzerner Szene: Auf einem Foto, das sich in der Sondersammlung der Zentralen Hochschulbibliothek Luzern findet, posieren vergnügt drei Soldaten – ein Deutscher, ein Brite und ein Franzose. Kein Hass funkelt aus den Augen, sondern mit ihren Strahlegesichtern lächeln sie die Absurdität des Krieges weg. Zu der Begegnung von Soldaten der Entente- und Mittelmächte ist es gekommen, da im SUVA-Gebäude verletzte Armeeangehörige operiert wurden.

Der Bau des Friedensmuseums war bereits um 1902 beendet (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Der Bau des Friedensmuseums war bereits um 1902 beendet (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Das Friedens- und Kriegsmuseum von Bloch

Wenn die drei Soldaten (im Hintergrund des Fotos ist das Musegg-Tor zu sehen) wenige Schritte weiter gelaufen wären, hätten sie das Internationale Friedens- und Kriegsmuseum passiert. Hier wurde schon seit 1902 das vorausgesagt, was nun für die drei Soldaten Wirklichkeit geworden ist. Das sinnlose Sterben, das Verharren im Stellungskrieg, das keine Entscheidungsschlacht mehr möglich macht. Der Visionär des «grossen Kriegs» hiess Jan Bloch. Auf 3’400 Seiten in sechs Bänden, mit Grafiken, Statistiken und Illustrationen reichlich unterfüttert, wollte er detailversessen seine Idee propagieren: Der Krieg sei im Zeitalter der Industrialisierung nicht länger als «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» (Clausewitz) denkbar. Sein Horror-Szenario traf mit hundertprozentiger Trefferquote ein: Viele europäische Königshäuser stürzten, Europa verharrte für Jahrzehnte in der wirtschaftlichen Misere und es wurde in Millionenzahl getötet, wie noch nie zuvor in den Kriegen der Menschheitsgeschichte.

Der Bau des Friedensmuseums war bereits um 1902 beendet (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Der Bau des Friedensmuseums war bereits um 1902 beendet (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Ironie der Geschichte: Vor 1914 war es noch schwer, Zeugnisse von der zerstörerischen Wirkung des totalen Krieges zu geben. Später dann, als nach 1918 Friedensmuseen überall in Europa entstanden und mit den Bildern von zerschossenen und deformierten Schädeln des realen Ersten Weltkriegs «Zeugnis gegen den Krieg» ablegten, schloss das Luzerner Museum seine Pforten für immer. Noch heute erinnert der Ritter, der seine Waffen niederlegt, am Fluhmatt-Schulhaus an das Museum.

Wie aber ist das Museum ausgerechnet nach Luzern gekommen?

Luzern scheiterte bei seinem Versuch, das Schweizerische Landesmuseum nach Luzern zu holen. Als Schweizer Offiziere den Stadtoberen und Hoteliers steckten, dass der schwerreiche Bloch, er hatte sein Geld im russischen Eisenbahnbau verdient, einen Ort sucht, um international seine Friedensidee zu propagieren, meldete flugs Luzern sein Interesse an.

Erfolgreich. Denn bereits 1902 ging das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum (IKFM) auf, damals noch auf dem Terrain des heutigen KKL. Merkwürdig kam das Museum schon rein äusserlich daher: als eine Art Raubrittergotik mit Zinnen und Türmen. Dieser Fassadenschwindel aus Holz wurde eigens ein Jahr zuvor für das Eidgenössische Schützenfest errichtet. Und der Pulverdampf des vergangenen Eidgenössischen sollte auch der «Friedensburg am Freiheitssee» (Luzerner Tagblatt) anhaften.

Bilder vom Innern des Friedensmuseums (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Bilder vom Innern des Friedensmuseums (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Unverkennbar schimmerte bei der Konzeption des Museums die Handschrift der Schweizer Offiziere durch. Kanonen, Feuerwaffen aller Epochen, Schlachtenszenen aus Pappmaché fanden sich in dem Museum. Selbst die gespaltenen Schädel von der Schlacht in Dornach 1499 waren in den Vitrinen platziert. Das katholisch-konservative Luzerner «Vaterland» schreibt dann auch etwas irritiert: Man werde vielleicht «bei oberflächlicher Durchsicht des jetzt schon ausserordentlich reichhaltigen und darum höchst sehenswerten Museums finden, dasselbe sei eigentlich kein Friedens-, sondern ein Kriegsmuseum», um dann festzustellen: «Aus dem Abscheu vor dem Krieg folgt die Liebe zum Frieden.»

Dann kam der Zusammenbruch – auch im Tourismus

Bilder vom Innern des Friedensmuseums (Bild: Stadtarchiv Luzern)
Bilder vom Innern des Friedensmuseums (Bild: Stadtarchiv Luzern)

Dass rührige Leute wie Jacob Zimmerli und Mitglied des Verwaltungsrates der Museums-AG oder Stadtpräsident und Hotelier Hermann Heller die Lancierung des IFKM betrieben, zeigt auch eines: Auch ganz profan pekuniären Interessen können manchmal edle Bestrebungen fördern. Was die Hoteliers in der «Belle Epoque» noch nicht wussten: Der von Bloch prophezeite ökonomische Zusammenbruch des europäischen Wirtschaftssystems sollte auch der Luzerner Glanzzeit des Tourismus ein Ende bereiten und für viele Hotels den Ruin bedeuten. 1916 – wieder schimmern die materiellen Interessen für ideelle Zwecke durch – reklamierten die Hoteliers ganz humanitär, Internierte aufzunehmen, um etwas Geld in ihren leeren Hotelkästen zu verdienen. Die Seeburg füllte sich so beispielsweise mit britischen Soldaten. 1918 war es aber endgültig mit der internationalen Gästeschar vorbei: Der Krieg hatte, wie es Bloch prophezeite, Europa ökonomisch ausgezehrt. Kaum ein Europäer, der 1914 erwachsen war, sollte jemals in seinem Leben einen vergleichbaren Wohlstand erreichen wie vor dem Krieg. Luzern mutierte in der Zwischenkriegszeit zur Schweizer Tagestourismus-Destination.

Englische Soldaten erholen sich in der «Seeburg» – Gruppenfoto aus dem Archiv «The Polytechnic Institute London» aus der Zeit des Ersten Weltkrieges 1914/18 (Bild: Hotel Seeburg Luzern)
Englische Soldaten erholen sich in der «Seeburg» – Gruppenfoto aus dem Archiv «The Polytechnic Institute London» aus der Zeit des Ersten Weltkrieges 1914/18 (Bild: Hotel Seeburg Luzern)

Delf Bucher

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