Die Luzerner Orgelbaufirma Goll feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. 1868 übernahm Friedrich Goll die Werkstatt auf der Sentimatte. Aber bereits 9 Jahre zuvor wurden dort Orgeln gebaut.

Portraitbild des Orgelbauers Friedrich Goll (Quelle: Archiv Orgelbau Goll)
Portraitbild des Orgelbauers Friedrich Goll (Quelle: Archiv Orgelbau Goll)

Orgelbaumeister Friedrich Goll war ein Ausnahmetalent. Er war der «bedeutendste Schweizer Orgelbauer im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts», sagt Bernhard Hörler in seinem Text zu Golls 100. Todesjahr. Entsprechend standen die Gollschen Orgeln in unzähligen Kirchen der Schweiz und im nahen Ausland. Eine Orgel schaffte es sogar bis nach Kolumbien. Gebaut wurden diese riesigen sakralen Musikinstrumente auf der Sentimatte im Untergrundquartier.

Der spätere Orgelbauer Goll wurde am 28. Oktober 1839 im Württembergischen Bissingen an der Teck geboren. Bereits mit 15 Jahren begann er seine vierjährige Lehre als Orgelbauer bei seinem Bruder Christoph Ludwig Goll. 1858 zog er nach Freiburg im Breisgau, um als Geselle bei Jakob Forrell zu arbeiten. Der Orgelbauer Friedrich Haas, der seit 1859 seine Werkstatt im Untergrundquartier betrieb, lockte Goll nach Luzern. Haas sah in Goll seinen Nachfolger und förderte den äusserst begabten und fleissigen jungen Mann. Die beiden «Genies ihres Fachs» ergänzten sich perfekt. So optimierte Goll mit eigenen Verbesserungen die bereits damals hochgelobten Orgeln von Haas.

Wanderjahre und Neuanfang

Da Haas bei Goll noch Verbesserungspotential bei den «Zungenstimmen» sah, stellte er ihm 1865 einen Wanderbrief aus und sandte ihn nach Paris. Zwei Jahre später übergab Haas sein Geschäft dem 29-jährigen Betriebsleiter in Abwesenheit. Goll kehrte erst 1868 nach einem Umweg über London nach Luzern zurück. Dieses Jahr gilt für die heute noch im Tribschen-Gebiet ansässige Firma Goll als offizielles Gründungsjahr. Als eine der ersten Orgeln baute die Firma Goll jene in der Luzerner Franziskaner-Kirche. 1871 bezog Goll seinen Wohn- und Geschäftssitz in der Sentimatte 598 K + L. Den nationalen Durchbruch schaffte er im Jahr 1877 mit dem Bau der Hauptorgel in der Klosterkirche Engelberg.

Da die Firma dem neuen kantonalen Fabrikgesetz unterstellt wurde, gründete Goll 1878 als einer der ersten Firmenpatrone der Schweiz eine eigene Betriebskasse für die Mitarbeiter. Seine Orgelschreiner und Orgelbauer lebten zu grossen Teilen im Untergrund. 1891 wohnten beispielsweise 14 von ihnen in der Basel- oder Bernstrasse. Bis Goll den Betrieb seinem Sohn Karl 1904 übergab, baute die Firma 258 Orgeln. Danach wuchs die Firma rasant weiter. 1914 hatte sie bereits 70 Angestellte. 1921 wurden die Werkstätten dann nach Horw verlegt.

Das Werkstattgebäude der Firma Goll auf dem Sentimattgebiet im Jahr 1909 (Quelle: Bernhard Hörler in Ars Organi, 59/3).
Das Werkstattgebäude der Firma Goll auf dem Sentimattgebiet im Jahr 1909 (Quelle: Bernhard Hörler in Ars Organi, 59/3).

Nur wenige Orgeln «überlebten»

Zu Friedrich Golls prestigeträchtigsten Arbeiten gehört sicher die Renovation der Luzerner Hofkirche 1899 oder der Umbau der Berner Münsterorgel. Aber auch im Untergrund erhielt er einen Auftrag. Er baute 1894 die Orgel in der Sentikriche.

Seine Ausstellungsstücke wurden sowohl an der Zürcher Landesausstellung von 1883 als auch an der Genfer Landesausstellung von 1896 mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Trotz der hochgelobten Bauweise Golls haben nur 39 «seiner» Instrumente bis heute überlebt. Der Grund dafür liegt in der «deutschen Orgelbewegung» der 1920er-Jahre. Diese versuchte, ein idealisiertes barockes Orgelklangbild wieder zu beleben. Dazu wurden bis zur Jahrtausendwende zahlreiche vermeintlich unpassende «Orgeln» abgerissen und durch solche mit «neobarockem Klangbild» ersetzt. Heute weiss die Forschung, dass ein solch angestrebtes barockes Klangbild so niemals existiert hat. Entsprechend wird nun den abgerissenen Goll-Orgeln vielerorts nachgetrauert.

Friedrich Goll erlebte die deutsche Orgelbewegung nicht mehr: Er starb am 2. März 1911 während eines stürmischen Abends in seinem Haus an der Sentimattstrasse 2 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung. Wer eine Goll-Orgel mit eigenen Augen betrachten oder besser – mit eigenen Ohren belauschen möchte, kann dies in der Klosterkirche in Engelberg tun. Die Hauptorgel von 1877 ist die älteste noch existierende Goll-Orgel. Auch in der St. Magdalena-Kirche in Meggen (1889) oder in der englischen Kirche in Luzern (1903) stehen noch die Instrumente Golls. Jene in der Sentikirche wurde leider ersetzt.

Michael Weber

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