Skip to main content

Unser Blog


Das Bourbaki-Panorama: Erinnerung an eine Sternstunde der Solidarität in Luzern (25. Juni 2021)

Vor 150 Jahren kam das Elend des Krieges in die Schweiz. Mehr als 80’000 Soldaten der Bourbaki-Armee querten die Grenze im Jura. Ein Blick auf die Luzerner Hilfsbereitschaft zeigt: Die Empathie für die Geflüchteten war gross, die Tierliebe dagegen klein. Tausende von Armeepferden verendeten auf Schweizer Boden.

Ein kalter Wind pfeift über die Juraebene. Ein elender Haufen von Soldaten überschreitet am 1. Februar 1871 die jurassische Grenze, gedrängt von der ihr nachfolgenden deutschen Armee. In den Gesichtern der 87’000 Franzosen spiegelt sich Hunger und Hoffnungslosigkeit. Ihre abgemagerten Pferde können kaum mehr Kanonen und Gepäck durch die verschneite Winterlandschaft ziehen. Viele brechen zusammen und verenden. Die drastischen Bilder sind beinahe jedem und jeder in Luzern durch einen Besuch im Bourbaki-Panorama vertraut. Es ist das einzige Historien-Panorama des 19. Jahrhunderts, das nicht die Glorie eines Sieges feiert, sondern das Elend des Krieges aufzeigt.

«Grosse Mission fürs Vaterland»

Was passierte in Luzern? Die Bevölkerung wurde schon vor der Ankunft auf die Aufnahme der Internierten vorbereitet. So schärfte das Luzerner Tagblatt seinen Leserinnen vor dem Einzug der Flüchtlinge ein: «Thun wir indessen unsere Pflicht – mit Muth und Hingebung an die große Mission unseres Vaterlandes.» Und da das Entlebucher Bataillon 66 bei der Entwaffnung der Bourbaki-Armee beteiligt war, schlüpfte mancher Soldat in die Rolle des Sonderkorrespondenten.

Einer dieser «embedded journalists» schrieb beispielsweise im Luzerner Tagblatt von der «Flüchtlingsfront»: «Der Durchzug bot einen wehmütigen Anblick. Die meisten Soldaten mit schlechten Schuhen, teilweise ohne Lebensmittel wurden immerfort weiter in’s Innere der Schweiz beordert. Während der ganzen Nacht vom 1. auf den 2.ds. hörte man unaufhörlich das Geschrei der französischen Fuhrleute: ‹Hü! Hü!› ‹Diable de charogne›, welche ihre schwerbespannten abgemagerten Pferde mit Peitschen und Stöcken trieben, bis die Pferde in Folge des schlechten Weges zusammensanken. Auf unserer Rückkehr von Loberson nach hier haben wir neben der Straße vier tote Pferde angetroffen.»

Wie elend und hilfsbedürftig die geschlagenen Franzosen waren, erlebten die Luzerner aus nächster Nähe. Vom 9. auf den 10. Februar war die Kaserne längst überfüllt und auch das Kloster St. Urban meldete Vollbelegung. 1’100 Soldaten fanden eine provisorische Bettstatt in der Jesuitenkirche.

Das Luzerner Tagblatt berichtete von einem «Herr aus der Stadt». Er «erbot sich einem Unglücklichen, dessen Stiefel auszuziehen. […] Der Herr zerschneidet die Stiefelrohre und nun geht’s an’s Abziehen. Aber eine Menge größerer und kleinerer Fleischklümpchen lösten sich vom Beine und vom Fuße ab und blieben am Stiefel hangen. Das ist schrecklich zu hören, schrecklicher zu sehen, aber am schrecklichsten an sich selbst zu erfahren.»

Dass sich die Jesuitenkirche – in dieser bitterkalten Nacht notdürftig von zwei grossen Feuern erwärmt – zu einer improvisierten Übernachtungsstätte verwandelte, hat mit dem typischen «Kantönligeist» zu tun. Tausende von Flüchtlingen gelangten per Bahn nach Luzern. Die sonst beschworenen gutfreundschaftlichen Beziehungen unter den Kantonen hatten indes in diesem Februar 1871 keinen Bestand.

Die Innerschweizer Kantone weigerten sich fürs Erste, die nach einem Verteilschlüssel ihnen zugewiesenen Internierten zu übernehmen. Der Luzerner Regierungsrat telegrafierte in grosser Aufregung an das Oberkommando von General Herzog in Yverdon: «Wir ersuchen um behördlichen Bericht, wohin die zu viel hierher gesandten französischen Soldaten befördert werden sollen.»

«Verschiedenste Übungen der Nächstenliebe»

Die Szenen in der Jesuitenkirche zeigen noch anderes: die Hilfsbereitschaft gegenüber den Geflüchteten. Von überall in der Stadt eilten Menschen her, um die Hungernden und Frierenden mit Brot und Wolldecken, mit Süssmost und Wasser zu versorgen.

Um es noch einmal mit dem Berichterstatter des Luzerner Tagblattes zu umschreiben: «Abgesehen von der Wohltätigkeit gegen schon früher hier Internierte, war besonders am letzten Freitag erbauend zu sehen, wie ganze Gruppen von Stadtbewohnern mit Gaben der Jesuitenkirche zuzogen, wo vom 9. auf 10. 1100 Soldaten übernachteten. Besonders zeigte sich unter der Damenwelt ein herrlicher Wetteifer in den verschiedensten Übungen der Nächstenliebe.»

Solche Sternstunden der Solidarität spielten sich nicht nur in Luzern ab, sondern allerorts. Das trug massgeblich zum Image bei, eine Nation der «guten Dienste» zu sein. Das Bourbaki-Ereignis, das auch das noch junge Rote Kreuz auf den Plan rief, war ein wichtiger Baustein im ideologischen Kitt der «Willensnation» Schweiz.

«Söhne der Wüste»

Viele Luzernerinnen und Luzerner begegneten im Frühling 1871 erstmals Menschen aus Afrika, die dem berühmten Corps «Tirailleurs d’Afrique» angehörten. Da ist zum Beispiel Abdel Kadr Ben Castroy. Er berichtete, wie er als «Turcos» bestaunt wurde, und manche Passantin und mancher Betrachter auch Angst vor ihm hatten.

Der muslimische Soldat verstarb im Spital. Er wurde wie die anderen muslimischen Verstorbenen auf dem protestantischen Friedhof nahe dem Hofkirchen-Totenacker beerdigt. Es war ein Glück für die katholische Kirche in Luzern, dass sie wenige Jahre zuvor den Protestanten ein Grundstück für ein Gräberfeld abgegeben hatte. So war das Problem gelöst, wie man Muslime in sogenannter ungeweihter Erde beerdigen konnte.

Über ein anderes Begräbnis berichtet das Luzerner Tagblatt ausführlich: «Der Leichnam ward unmittelbar nach dem Absterben von den Glaubensgenossen, welche hier als Kompagnie der Tirailleurs d’Afrique interniert sind, gewaschen und einbalsamiert, hernach in Leinwand eingehüllt und dann in einem Sarge, die Füße gegen Sonnenaufgang, unter einem ganz kurzen Gebete in’s Grabe gesenkt.»

Noch heute erinnert ein Obelisk hinter der Hofkirche an die mehr als 70 verstorbenen Boubarkis in Luzern und darauf ist auch eine spezielle Widmung an die «Söhne der Wüste» angebracht.

Das grosse Pferde-Elend

Prominent ist im Bourbaki-Panorama ein dunkelhäutiger Soldat ins Bild gesetzt. Er nimmt eine Brotzeit auf dem verendeten Pferd. Vielleicht gibt es noch einen Rest von Körperwärme ab. Das Schicksal der Pferde nimmt in den Lebenserinnerungen von Heinrich Meier – Direktor der von Moos’schen Eisenwerke und erster Präsident des Luzerner Tierschutzvereins – eine bedeutende Rolle ein.

Dort beschreibt er nicht nur die chaotischen Zustände der Schweizer Armee. Denn die Übergabe der Waffen ist nicht so reibungslos verlaufen, wie es das Panorama-Bild nahelegt. Aber der Herr der Hochöfen auf der Emmenweide hatte auch ein Herz für Tiere.

So schreibt er über die 12’000 Pferde der Bourbaki-Armee, die in der kältestarrenden Landschaft ums Überleben kämpften: «Die Pferde hatten in einer Nacht massive hölzerne Gartenhäge fast rübis und stübis aufgefressen, weil niemand ihnen Heu gab. Wo kein Holz, keine Stauden und Kries, keine Bäume, Wagenräder, Deichsel, Fußpedal etc. vorhanden waren, fraßen sie einander Hals- und Schwanzhaare, wie abgeschert. Große Pappelbäume wurden angefressen, bis sie umfielen. Auch Miststöcke, an denen vielleicht etwas Stroh hervorguckte, verschmähten sie nicht und frassen Löcher in dieselben. Das Elend, das so ein Krieg an Menschen und Tieren anrichtet, trat uns da vor Augen, und die Gedanken dabei sind nicht zu beschreiben.»

Der Emmenbrücker Major Meier ist empört, dass selbst am «17. Tage nach dem Einmarsch dieses Elend» weiterhin vorherrschte.

Auf der anderen Seite war schnell klar: Beinahe 12’000 Pferde zu verpflegen, hätte den noch unterentwickelten Bundesstaat mit seiner damals leeren Staatskasse ruiniert. Bereits den Wehrsold für das kleine Aufgebot der Schweizer Soldaten für die Grenzwache zu zahlen, überforderte das Militärdepartement. Futter für 12’000 Pferde in dem eiskalten Winter zu finanzieren, war undenkbar. Vor allem, nachdem mit dem Eintritt der französischen Armee die Preise für Futtermittel gestiegen waren. Dafür, so wird es wenigstens im Historien-Roman von Charles Lewinsky «Melnitz» beschrieben, sanken die Preise fürs Pferdefleisch. Hoffentlich gelangten nicht die zu Tausenden an Seuchen gestorbenen Rösser als Kadaverfleisch zum Verkauf.

Delf Bucher


Wie Street-Art öffentliche Räume prägt (16. April 2021)

Ein Wandbild oder Graffito ist immer auch eine symbolische Eroberung des Orts. Besonders die Autobahnunterführung am Sentiweg beherbergt unzählige Schriftzüge, «Tags» und Schmierereien. Während die Unterführung nun aufgewertet werden soll, sind im Untergrund-Quartier gleich an zwei Orten neue Kunstwerke entstanden. Ein Blogpost von UntergRundgänger Michael Weber.

Das eigene Haus ist «meines», auch wenn ich darin nur zur Miete wohne. Um sein vermeintliches «Eigentum» kenntlich zu machen, könnte man – sofern erlaubt – ein grosses «Banner» vor das Fenster hängen. So wie dies Firmen oder Institutionen gerne tun – wie beispielsweise die Pädagogische Hochschule (PH) Luzern an der Dammstrasse. Die Beflaggung von Balkonen und Fenstern wurde in den letzten Jahren zum städtischen Trend. Meist jedoch nicht, um sich «selbst» zu huldigen, sondern mittels Babytafeln den Nachwuchs kundzutun oder eine politische Botschaft (Spange Nord, Eichwäldli oder Frauenstreik) nach aussen zu tragen.

Kennzeichnung des «Herrschaftsgebiets»

Das Symbol der Flagge ist eine etablierte Methode, um «Herrschaftsgebiet» zu kennzeichnen. Bereits die römischen Heere zogen vor zwei Jahrtausenden mit wehenden Bannern in die Schlacht und im Mittelalter zeigten Vögte durch Flaggen auf den Zinnen ihrer Burgen, wem das Land in der Umgebung gehört. Auch das in der Dammstrasse von der PH Luzern betriebene Gebäude erinnert durch die daran flatternden Banner an eine mittelalterliche Burg, welche Herrschaftsansprüche zu stellen scheint.

Diese Art der symbolischen «Macht» zeigt auch die Stadt selber – mittels Flaggen an repräsentativen Gebäuden oder Brücken. Flaggen in Schrebergärten imitieren diese Herrschaftsansprüche, gerade weil sie meistens andere Länder oder Kantone repräsentieren. Sie stehen also entgegen der «herrschenden Ordnung» als Bastion oder Botschaft im «Feindesland».

Illegale Eroberung des Raumes

Der öffentliche Raum kann aber auch illegal «erobert» werden. Mit Graffiti oder Klebern werden Strassenzüge und Verkehrsschilder gebrandmarkt und territorial in Besitz genommen. Dabei wird der eigene Name, der Name der Crew oder eines Fussballclubs «verewigt». Diese «Eroberung» gilt so lange, bis die Kennzeichnung entfernt oder von anderen übermalt oder überklebt wird.

Zwischen legal angebrachten Flaggen und illegal gesprayten «Tags» (einfarbig gesprayter Name) oder «Throw-ups» (meist zweifarbig schnell gesprayter Name, der nur mit einer raschen Schraffierung oder gar nicht ausgefüllt ist) besteht ein grosser Unterschied. Während sich die illegal Sprayenden mit ihrer Handlung strafbar machen, werden die Flaggenhissenden von den gleichen Gesetzen geschützt. Das Ziel – einen vermeintlichen «Herrschaftsanspruch» geltend zu machen – ist jedoch stets das gleiche.

Wolle und Spraydose

Gemäss dem Soziologen Ueli Mäder halten sich Menschen gerne an belebten Orten auf. Diese «belebten Orte» strukturieren das gesellschaftliche Leben. Sie repräsentieren soziale Werte und dokumentieren ein geschichtliches und kulturelles Gedächtnis. Sie führen Menschen zusammen und laden dazu ein zu sinnieren. Beliebte Orte prägen soziale Ordnungen, die soziales Verhalten ermöglichen. Wir eignen uns Orte an und konstruieren sie mit.

Je beliebter der Ort, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass bereits eine (offizielle) Gestaltung vorgegeben ist. Belebte Orte wie Bahnhofsplätze oder Einkaufspassagen sind stark durchgeplant und in ihrer Gestaltung von den mächtigen Einflussträgern durchorchestriert. Auch wenn solche «Treffpunkte» aus pragmatischen und logistischen Gründen gut durchgeplant sein müssen, «ungenutzte» soziale Räume gäbe es auch hier. Eine Mitgestaltungsmöglichkeit durch Bürgerinnen wird aber in der Regel (im Sinne einer «Ordnung») unterbunden.

Verbindung mit Rissen

Einen solch ungestalteten aber dennoch belebten Raum stellt die St.-Karli-Brücke dar. 2015 startete die Pfarrei St. Karl eine «bunte» Idee der optischen Raumeroberung. Das Einzugsgebiet dieser katholischen Pfarrei erstreckt sich über zwei unterschiedliche Quartiere. Das Oberschichtquartier St. Karli und das Unterschichtquartier Basel-/Bernstrasse (BaBeL). Getrennt werden diese beiden Quartiere durch die Reuss und verbunden werden sie durch die St.-Karli-Brücke, an deren Ufer auch die Kirche steht. Die Pfarrei liess unter dem Motto «St. Karl verbindet» unter anderem ihre Mitglieder stricken, um die Brückengeländer in bunte Farben zu hüllen.

Hier stand die Sichtbarmachung der Personen, die in den beiden Quartieren leben, im Vordergrund. Dabei wurden auch 30 der damals 76 Landesflaggen der Bewohnerinnen und Bewohner der beiden Quartiere gestrickt.

Obwohl diese Aktion vonseiten der Behörden sicher geduldet war, bekam die wollene Verbindung – und somit die symbolische Eroberung – schnell Risse. Neben der Witterung machte auch «Vandalismus» der Strickverbindung zu schaffen, wie Delf Bucher in seinem Blog-Beitrag «Die wollene Utopie auf der St.-Karli-Brücke» konsterniert feststellte (weiter unten).

Der Durchgangsweg ist ein «Unort»

Überraschenderweise langlebiger sind die zahlreichen Graffiti, welche sich in der Personen- und Velounterführung am Sentiweg befinden. Der «Unort» direkt an der Reuss unter der Autobahn ist eine bunte Ansammlung von Farbe. Unzählige Personen haben sich dort «verewigt». Wie langlebig diese «Tags» oder «Throw-ups» sind, zeigt ein Bildvergleich im Abstand von fünf Jahren.

Die Unterführung ist ein klassischer Durchgangsweg, eine Passage, die – trotz ihrer eigentlich malerischen Lage an der Reuss – nicht zum Aufenthalt einlädt. Ein unwirklicher Ort – düster und gruselig, und somit unbeliebt, ist diese Autobahnunterführung. Das liegt selbstverständlich nicht nur an den unzähligen Spinnennetzen, sondern auch an den zahlreichen Graffiti. Dennoch ist der Ort belebt, da er, insbesondere für Velofahrer, eine direkte und zudem autofreie Verbindung zwischen der Stadt Luzern und Emmenbrücke darstellt.

Obwohl es offensichtlich an Publikumsverkehr nicht fehlt, scheint der Raum der Fussgänger- und Velounterführung am Sentiweg für die hiesigen Sprayenden dennoch zu wenig attraktiv zu sein, um dort längerfristige Herrschaftsansprüche geltend zu machen.

Gleichzeitig bedeutet das, dass diese Wände seit vielen Jahren nicht mehr frisch gestrichen wurden. Das ändert sich nun. Im Zuge der Renovation der Lärmschutzwände soll die Unterführung aufgehellt werden. Und gleich um die Ecke (neben dem beflaggten PH-Standort Sentimatt) hat die Stadt per 1. April 2021 zwei lange Wände fürs legale Sprayen freigegeben. Bereits am ersten Tag haben Graffiti-Künstlerinnen mit grossen «Pieces» (von Masterpiece – zeitintensive, bunte Bilder, die in der Regel mehr sind, als nur der Name der Graffiti-Künstler) die Autobahnwände bemalt.

Diese Legalisierung ist nicht nur eine optische Aufwertung der Wände. Die bunten Bilder schaffen auch ein positiveres Klima an diesem tristen Parkplatz – wovon die Menschen im Quartier sicher profitieren. Diese für die Stadt kostenlose Massnahme schafft zudem den Sprayenden eine stressfreie Möglichkeit, sich zu verwirklichen – an Wänden, die zuvor illegal versprayt waren. So gibt die Stadt in gewisser Weise die «Kontrolle» über die Wände ab und lässt der «Bevölkerung» die Möglichkeit der Gestaltung (mehr oder weniger) frei.

Der Grund, weshalb nun in der Sentimatt grosse, bunte und eher fröhliche Bilder entstehen, während nur wenige Meter entfernt in der Unterführung düstere Schriftzüge überdauern, liegt in der Zeit, welche die Sprayenden jeweils investieren. Denn wer illegal sprayt, muss sich beeilen, um nicht erwischt zu werden. Darum werden – in Nacht- und Nebelaktionen – vor allem «Tags» oder «Throw-ups» an die Wand gemalt. Für die vielfarbigen «Pieces» fehlen an illegalen Orten meistens Zeit und Licht. Insofern könnte die Umwandlung der Unterführung in eine legale Sprayzone für eine Aufwertung der Passage sorgen.

Lokale Industriegeschichte künstlerisch verpackt

Vor wenigen Wochen ist auf der Reussinsel ebenfalls ein öffentliches Kunstwerk entstanden. Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen dem Fumetto-Festival und dem Verein UntergRundgang hat die Westschweizer Künstlerin Anda ein Stück Bahndamm bemalt. Das Bild, an dem sie während des diesjährigen Fumetto-Festivals täglich gearbeitet hat, soll an die Industriegeschichte der Reussinsel erinnern. Denn dort verschwinden demnächst die letzten Zeugen der Luzerner Industrialisierung. Somit hat Anda mit ihrer Street-Art den Raum nicht nur für sich, sondern auch zur Sichtbarmachung der industriellen Geschichte dieses Ortes erobert.

Michael Weber


Spanische Grippe – die politisierte Pandemie (5. Februar 2021)

Covid-19 hat die Erinnerung an die Spanische Grippe wieder hochgespült. Wenn heute die Impforganisation kritisiert wird, zeigen die Zustände im Luzerner Notspital St. Karli von 1918, wie Chaos wirklich aussieht. Mehr als hundert Jahre später ist das staatliche Gesundheitswesen wesentlich besser organisiert.

Spanische Grippe – das Schreckgespenst eilte schon in Nachrichten voraus, bevor die Grippewelle mit ganzer Wucht Luzern im Oktober 1918 erreichte. Schwarz geränderte Todesanzeigen bestimmten wochenlang den Anzeigenteil der Zeitungen. Was auffällt: Vor allem junge Menschen werden von der Grippe dahingerafft.

«Eine besondere Tücke der Grippe ist es, dass ihr meistens junge und tüchtige Leute zum Opfer fallen», schreibt denn auch das «Luzerner Tagblatt». Und ein Lehrer wehklagte im «Vaterland» über den Verlust seines Lieblingsschülers: «Mit frevelhaft wühlerischer Lust stürzt die Grippe sich nur auf das Beste, knickt von den schönen nur die schönsten Blüten.»

Verglichen mit dem Ausmass der Katastrophe berichtet die Lokalpresse eher spärlich und unaufgeregt. In der Stadt Luzern werden am Ende des Jahres 1918 290 Grippeopfer gezählt. Teilweise tragische Szenen haben sich in verschiedenen Familien zugetragen, wo manchmal drei oder vier Familienmitglieder verstarben.

«Wem’s bestimmt ist, den erreicht’s!»

Manche Argumente der heutigen Debatte, ob die staatlichen Sicherheitsmassnahmen zu lasch oder zu hart sind, finden sich schon damals. So kritisierte das sozialdemokratische Organ «Demokrat» die «unverständliche Einschränkung des freien Wortes», da den Sozialisten jedes Recht auf Versammlungen verboten wurde.

Dass diese Anordnung durchaus politisch auf den Gegner zielte, dafür spricht eines: Sonst gab es im Kanton so viele Ausnahmeregelungen, dass von einem Versammlungsverbot im Kanton Luzern wie in anderen Kantonen nicht die Rede sein konnte.

Das «Luzerner Tagblatt» kommentierte dazu: «Und wie steht es mit der Schliessung der Kirchen? Huldigen die Behörden etwa auch dem Fatalismus einer konservativen Gemeindegrösse, die mit der Weisheit tröstete: «Was nützen Massnahmen und Vorbeugungen? Wem’s bestimmt ist, den erreicht’s!“»

«Sanitätskompagnie dringend nötig!»

Anfang November sank der Krankenstand in der Stadt. Doch da rollte bereits die zweite Welle der Grippe an. Dieses Mal erwischte es vor allem die Soldaten. 3’000 Wehrmänner aus Ob- und Nidwalden und aus dem Entlebuch waren während der Zeit des Landesstreiks in den Novemberwochen in Luzern stationiert.

Das eigentlich vorgesehene Notspital St. Karli, das bereits im Sommer als Notstation vorgesehen war, sollte nun die erkrankten Militärs aufnehmen. Aber im St.-Karli-Schulhaus standen noch die Stühle auf den Schulbänken. Schnell musste das Schulinventar beiseite geräumt werden, Strohsäcke wurden in der Turnhalle deponiert, Betten herbeigeschafft. Dennoch fehlte zum Schluss eigentlich alles, was für ein Notspital notwendig war: Nachthemden, Nachttöpfe, Decken und selbst Fiebermesser.

Hilflos agierten die Sanitätssoldaten, Ärzte und Ordensschwestern. In seiner Hilflosigkeit telegrafierte der kurzfristig vom Militär eingezogene Stadtarzt Karl Doepfner an den Territorial-Chefarzt: «Im St.-Karli-Grippespital 360 Grippekranke. Zahl des Sanitätspersonals 26, durchaus ungenügend. Hunderte Kranke noch zu erwarten. Sanitätskompagnie dringend nötig!»

«Opfer der Revolution»

Sein Hilferuf blieb ungehört. Selbst die Luzerner Sanitätskompagnie wurde weggeschickt – mit Marschbefehl Bern als Bestimmungsort.

61 Soldaten verliessen das völlig untaugliche Notspital im Sarg. Unter dumpfen Trommelklängen wurden sie vom Schulhaus zum Bahnhof geleitet. In Nid- und Obwalden, so berichtet das katholische «Nidwaldner Volksblatt», wurden die «wackeren Verteidiger des Vaterlandes gegen revolutionären Aufruhr» mit einer dreifachen Salve als «letzten Ehrengruss der schweizerischen Armee» ins Grab gesenkt.

Von Anfang an war für die Unterwaldner Presse klar: Die Grippetoten in Uniform waren «Opfer der Revolution». Immerhin sollten die Opfer ihren Lohn im Himmelreich erhalten. So schreibt das katholische «Volksblatt» bei einem verstorbenen Soldaten aus Buochs, dass er «wohlausgerüstet mit den Gnadenmitteln unserer hl. Kirche ins bessere Jenseits» hinübergewandert sei.

Erbärmliche hygienische Verhältnisse

Der zweite Schuldige wiederum war der Stadtarzt Doepfner. Ihm wurde angekreidet, dass die Soldaten statt in Hotelbetten auf Strohsäcken lagen, dass die hygienischen Verhältnisse erbärmlich waren und man bei der Benutzung der Toiletten erst durch Kot und Erbrochenes waten musste.

Dass die Soldaten in der Touristenstadt, in der so viele Hotels leer standen, auf Strohsäcken schlafen mussten, wurde als besonderer Skandal empfunden. Nur war es für den armen Doepfner schwierig, neben seinem medizinischen Nonstop-Dienst noch die unwilligen Hoteliers zu mehr Hilfe zu verpflichten.

Trotz des Chaos, das in Luzern geherrscht hat, zeigt heute ein ganz unaufgeregter Blick auf die Statistik: Unter den aufgebotenen Militärs ist die Zahl der Grippeopfer nicht signifikant höher als unter den Toten der nicht zum Militär einberufenen jungen Männer.

Delf Bucher


«Grabe, wo du stehst» – 25 Jahre UntergRundgang (29. Oktober 2020)

Ein Vierteljahrhundert gibt es sie inzwischen, die sogenannten UntergRundgänge, sozialgeschichtliche Führungen durch das Luzerner Untergrundquartier. Was 1995 mit einem ersten Rundgangsprojekt begann, wird nach sieben verschiedenen Programmen, etlichen Publikationen und weiteren Kooperationsprojekten selber zum Stoff für einen Damals-Blog von UntergRundgänger Urs Häner.

«Das andere Luzern» nannte sich vor 25 Jahren programmatisch der erste UntergRundgang: Nicht das etablierte, touristisch verwertete Luzern sollte im Mittelpunkt stehen, sondern das Alltagsleben einfacher Menschen jenseits des Kasernenplatzes. Nicht das Kalenderbilder-Luzern wollten wir den Leuten zeigen, sondern die Rückseite solcher Bilder. Als Titelbild für diesen ersten UntergRundgang wählten wir ein Bild, das bis heute eine informelle Grenze im Stadtraum markiert: Wo jetzt eine Eisenbahnbrücke über die Baselstrasse führt, musste bis zum Bau des zweiten Bahnhofs in Luzern (1896 eröffnet) eine Rollbarriere Strassen- und Schienenverkehr voreinander fernhalten.

Immer wieder stellen wir auf unseren Rundgängen fest, dass zahlreiche LuzernerInnen erst mit uns zu Fuss ins Gebiet jenseits des Kasernenplatzes und jenseits der Bahnbrücke auf Entdeckungstour gehen. Noch immer wird diese Gegend der Stadt als randständig empfunden, obwohl sich doch seit 1995 die Eckwerte des politischen Gemeinwesens Luzern gründlich verändert haben: Am Ende der Baselstrasse wartet nicht mehr wie früher die Stadtgrenze, das Untergrundquartier liegt seit zehn Jahren in der geografischen Mitte von Luzern, nur scheint das noch fast niemand wirklich realisiert zu haben.

Uns war und ist es wichtig, das Augenmerk auf die Geschichten der kleinen Leute zu richten: Wie wohnten sie, welchen Arbeiten gingen sie nach? Von Anfang an stand auch die Frage im Mittelpunkt, wo die Menschen herkamen, die im Untergrundquartier lebten und leben. Denn die frühere Vorstadt und der sich daraus entwickelnde Untergrund waren schon immer die Zone der Zugezogenen. Exemplarisch sei aus dem Stoff des ersten Rundgangs die Geschichte von Franz Brun, einem Tagelöhner aus Entlebuch, herausgegriffen: Er hatte 1856 das uneheliche Kind der Maria Schaller aus Ufhusen bei sich aufgenommen. Ob er der Vater war, konnten wir nicht eruieren, jedenfalls wies ihn die Polizei an, das Kind umgehend aus Luzern zu «entfernen». An einer solchen kleinen Geschichte lassen sich viele grosse Linien ablesen, in ihr spiegeln sich beispielsweise der fragile Status der Saisonniers (in den 1990ern hatten wir mit unserem gewerkschaftlichen Hintergrund noch die verlorenen Kämpfe zur Abschaffung des Saisonnierstatuts in den Knochen) oder ganz aktuell die vielen Unsicherheiten von Sans-papiers.

Weil der erste UntergRundgang auf gute Resonanz stiess, machten wir weiter, zumal der Stoff reichlich brachlag und wir weitere Schätze heben konnten. So fand sich im Staatsarchiv beispielsweise die Dokumentation eines Quartierpolizisten, der um 1900 die Aktivitäten der italienischen Anarchisten in den Quartierbeizen eifrig notierte. Mit dem Titel «Zwischenzeiten und Gegengedächtnisse» sollte nochmals angeschärft werden, was uns wichtig ist in der Geschichtsschreibung: Nicht die grossen Jubiläen und die Prominenten weckten unser Interesse, sondern die Namenlosen in manchen Nischen der Aufmerksamkeit. Und weil wir feststellten, dass wir praktisch bei jedem Thema auf Fragen von Migration und Integration stiessen, machten wir diese explizit zum Kern unseres dritten UntergRundgangs: «Fremd sein – heimisch werden». Es ist im Rückblick höchst spannend zu sehen, wie sich Geschichten anreichern, wandeln, bisweilen sogar Korrekturen nötig sind, weil neues Wissen dazukommt. Und wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass aus dem damaligen «Problem-Schulhaus» St. Karl (wobei diese Titulierung aus dem BLICK selber schon fragen lässt, wer mit welchem Interesse was sagt) ein Vorzeigeschulhaus für interkulturelles Lernen wird? Und wer hätte damals bei der Geschichte über das «Hochstrasser-Negerli», die wir beim früheren Lagerhaus an der Baselstrasse 3 erzählen, daran denken mögen, dass solche rassistische Codes auch in der nächsten Generation munter weiterwirken? Nachdem diese Geschichte einige Jahre einfach mitlief im Programm, hat sie in diesem Sommer wieder eine erschreckende Aktualität bekommen.

Der Hunger nach Quartiergeschichten war weiterhin nicht gestillt. Nun kam für die grösser werdende Equipe (anfänglich waren wir drei, aktuell zählen sich 7–9 Guides dazu) eine Phase, in der die «Albert Koechlin Stiftung» mit ihren grossen Kulturprojekten den Takt der Stichworte für sozialgeschichtliche Recherchen vorgab: Wir konnten im Rahmen der «Goldenen Zwanzigerjahre» (2005), von «Transit» (2009), «sagenhaft» (2013) und «Die andere Zeit» im letzten Jahr vier weitere und thematisch aufgefächerte UntergRundgänge realisieren. Da gab es dann auch Abstecher ins Bruchquartier und an die Bernstrasse, und im neusten Rundgangsprojekt zog es uns nordwärts via Reussinsel in die Fluhmühle und auf den Stollberg. Übrigens kamen nicht nur geografische, sondern auch thematische Erweiterungen dazu. So entstanden etliche Kooperationsprojekte, so beispielsweise zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Kirchgemeinde (1999) oder zu «100 Jahre Internationales Kriegs- und Friedensmuseum» (2002), das bei vielen LuzernerInnen so sträflich in Vergessenheit geraten ist.

Das Motto für unsere UntergRundgänge lautet weiterhin «Grabe, wo du stehst». Es orientiert sich am Buchtitel des schwedischen Autors Sven Lindqvist, der in den 1970ern mit einem «Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte» eine grosse Breitenwirkung erzielte und vielen sogenannten Geschichtswerkstätten Pate stand. Eine wunderschöne Illustration solchen Grabens im Untergrundquartier ist eine Fotografie um 1900 (links).

Es ist selbstredend, dass diese Mannen kaum nach alten Geschichten graben, sondern vor der Baselstrasse 14 neue Leitungen im Boden versenken. Aber sind es vielleicht jene Leitungen, die genau jetzt ihr Lebensalter erreicht haben und deshalb dringendst ersetzt werden müssen? Wir hoffen jedenfalls, dass die bevorstehende Grossbaustelle zur Sanierung der Baselstrasse uns nicht allzu sehr einschränkt auf den Führungen durch das Quartier.

Lesehilfe im öffentlichen Raum

Vor 25 Jahren formulierten wir unsere Absicht, das vorhandene Wissen zum Untergrundquartier «aus den Bibliotheken auf die Strasse zu bringen». Das gilt natürlich weiterhin, aber dank der zahlreichen Erkundungstouren durch den abgesteckten Sozialraum haben wir auch gelernt, aufmerksam zu sein für unscheinbare Veränderungen und kleine Signale der Geschichtsschreibung. So, wie Strassennamen ganze Geschichten erzählen können (Hirschengraben, Meyerstrasse, Grenzweg), so kann auch eine alte Mauerinschrift, eine Auffälligkeit bei einem Gebäude, z.B. die weisse Fläche an der Hausfassade beim Kreuzstutz, Anlass sein, den umgekehrten Weg von der Strasse in die Bibliotheken und Archive zu gehen! Jedenfalls wollen wir die Interessierten auf den UntergRundgängen ermuntern, mit offenen Augen durch den öffentlichen Raum zu spazieren und die verschiedenen Zeichen zu lesen, die er darbietet. Zum Abschluss daher ein kleines Foto-Rätsel: Welche Situation fängt der unterste Schnappschuss (links) beim Kreuzstutz ein?

Auflösung:

Der Farbwechsel im Teer symbolisiert das Ende der öffentlichen Telefonzellen in Luzern! Übrigens markiert das Bild noch einen zweiten Epochenbruch: Dort, wo jetzt Gras wächst, stand bis in die 1960er-Jahre das «Gasthaus zum Kreuzstutz», eine legendäre Arbeiterbeiz. Aber das sind Geschichten für einen weiteren Blog-Beitrag…

Urs Häner


Wie das «Negerli ganz fein» Kolonialgeschichten erzählt (28. Juli 2020)

Der Kaffeeröster Hochstrasser ersparte sich die Mohrenkopf-Debatte und trennte sich 2012 vom Markennamen «Negerli ganz fein». Die Spuren des Anbaus des Kolonialprodukts führen auch ins Quartier Untergrund und und geben einen der Gründe an, warum so viele tamilische Bürgerkriegsflüchtlinge dort ein neues Zuhause fanden.

Wenn mein Nachbar mir trotzig erklärt, er werde weiterhin Mohrenkopf sagen, wenn meine Tochter fragt, ob die Alfred-Escher-Statue in Zürich wegen angeblicher Verwicklung in Sklavenhandel verschwinden sollte und mein elfjähriger Sohn Bilder von Anti-Rassismus-Demos aus den USA auf TikTok Bilder zeigt, dann ist es gewiss: Das Thema Rassismus ist auch in der Schweiz angekommen.

Im Jahre 2000, als wir vom Untergrund den Rundgang «Fremdsein, heimisch werden» planten, war die schwarz-weisse Problemlage noch nicht tief im helvetisch-kollektiven Gedächtnis verankert. Als uns das Bild vor dem Lagerschuppen der ehemaligen Kaffeerösterei Hochstrasser im Archiv ins Auge stach, das noch Mitte der 1970er Jahre an der Baselstrasse mit dem «Negerli» neben der Aufschrift «der unvergleichlich gute Hochstrasser Kaffee» prangte, wollten wir wissen: Geht das in Zeiten politischer Korrektheit noch?

Seit 2012 «Negerli-frei»

Der Marketingverantwortliche des mittlerweile vom Kasernenplatz nach Littau gezügelten Kaffeerösters beschied uns: Man habe das Problem erkannt und das «schwulstlippige Negerlein mit Ohrringen» von der Packung wegretouchiert. Aber auf den Namen des einst als Spitzenqualität in den 1950er Jahren lancierten Kaffees «Negerlein ganz fein» wolle man nicht verzichten, da die Konsumentinnen und Verbraucher diese Kaffeesorte liebten. 2012 trennte sich Hochstrasser ohne grossen Lärm schliesslich von dem Namen

Das Negerli-Symbol als Markennamen wurde selbst in der Schweiz für Schmelzkäse verwendet und da die Glasbläser der Glasi Hergiswil abends mit russschwarzen Gesichtern nach Hause zurückkehrten, hiess das Arbeiterquartier wie in vielen Schweizer Orten «Negerdörfli». Durchgehend waren diese «Negerdörfli» es Wohngegenden der sozialen Unterschichten – also Versuche dem Volksmund zu unterstellen, hier eine liebevolle Bezeichnung kreiert zu haben, gehen ins Leere.

Koffein für Sufis

Zurück zum Negerli-Kaffee. Tatsächlich wird der Ursprung der Bohnen für den Bittertrank in Afrika – genauer in Äthiopien – verortet. Kaffee war zuerst das Genussmittel der «Ungläubigen». Sufi-Mönche haben in der Hafenstadt Mokka in Jemen, im heutigen al-Mukha, die ersten Kaffeebohnen geröstet, um bei ihren langen Exerzitien nicht einzuschlafen. So war anfangs das Geschäft mit Kaffee in der Hand arabischer Händler.

Die europäischen Nationen suchten Wege um an die begehrten Setzlingen der Kaffeebüsche zu kommen. Und so wurde im 18. Jahrhundert in Haiti und Anfang des 19. Jahrhunderts auch in Brasilien Kaffeeplantagen angelegt. Die Arbeitskräfte waren nun schwarze Afrikaner. Die blutige Bilanz der Toten durch die koloniale Kaffeeproduktion wird auf 500.000 Menschen geschätzt. Nimmt man noch den Zucker hinzu, dann kommt man auf Millionen von Toten.

Schweizer Söldner auf Java

Die Niederlande wiederum etablierten eine besonders krasse Sklavenhalter-Wirtschaft für den Kaffeeanbau auf der Insel Java, die den Holländer Eduard Douwes Dekker zu seinem antikolonialistischen Roman Max Havelaar anregte. Der Romanheld sollte dann mehr als hundert Jahre später dem berühmten Fairtrade-Siegel seinen Namen geben. Auf Java spielten auch Schweizer Söldner eine Rolle. Was zeigt: Das Binnenland Schweiz hat indirekt nicht nur über seine Textilindustrie, sondern auch über sein Söldnerwesen eine Rolle in der Kolonialgeschichte gespielt.

Was vielleicht überrascht: Die Plantagen von Java spielen auch eine Rolle für das Quartier Untergrund, in dem vierzig Prozent der in der Stadt Luzern lebenden Tamilen wohnen. Denn während der Napoleonischen Kriege besetzten die Engländer von 1811 bis 1814 die niederländische Insel Java. Die Erfahrungen mit den javanesischen Kaffeeplantagen inspirierte die britischen Teetrink-Imperialisten auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, Kaffeeplantagen anzulegen. Da die Singhalesen sich aber nicht der harten Knute der Plantagenarbeit fügten, importierten die Briten Tausende von Tamilinnen und Tamilen aus Südindien. Das blühende Kaffeegeschäft ging indes aufgrund von Pflanzenseuchen zugrunde und wurde durch Teeplantagen ersetzt. Auf diesen arbeiteten ebenfalls Tamilen. Die Ursache für die Spannungen zwischen Tamilen und Singhalesen nahm also mit der kolonialen Kaffee-Geschichte ihren Anfang und mündete dann in den blutigen Bürgerkrieg (1983–2009), der auch viele Geflüchtete nach Luzern brachte. Viel blutige Geschichten kleben also an unserem Wachmachergetränk, das wir morgens hinunterstürzen.

Delf Bucher


Luzern und seine Inseln (26. März 2020)

Dieses Jahr wäre im Rahmen des Fumetto auf dem Bahndamm der Reussinsel ein Kunstwerk entstanden. Da das Fumetto nun wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste und somit das Street-Art-Projekt, das vom Verein UntergRundgang wesentlich unterstützt worden wäre, nicht kommt, soll auf diesem Weg der einstigen Reussinsel Tribut gezollt werden. Denn Luzern ist heute eine Stadt ohne Inseln. Doch das war nicht immer so: Gleich drei Inseln prägten einst die Geschichte der Stadt.

Ein Freiheitsdenkmal auf der Insel

Heute erscheinen das Inseli und die Reussinsel zwar noch als Namen im Strassenverzeichnis, ihr Dasein als Inseln haben beide aber schon längst verloren. Dabei wurde auch in Luzern schon früh eine Insel als Touristenattraktion erkannt. Die Insel Altstatt «in der Nähe von Luzern» wurde im 18. Jahrhundert als Standort für die Errichtung eines Nationaldenkmals ausgewählt. Treibende Kraft war der französische Abbé Guillaume de Raynold, bekannt als literarischer Wegbereiter der Französischen Revolution, und aus Luzern der umtriebige General Franz Ludwig Pfyffer. Raynold wollte das Freiheitsdenkmal, ein Obelisk gekrönt mit einem vergoldeten Tellenapfel, zuerst auf dem Rütli aufstellen. Als die Urner Regierung das Geschenk ablehnte, kam die kleine Insel Altstatt beim Meggerhorn in die Kränze. Mit Unterstützung von Pfyffer wurde das etwa 30 Fuss hohe Monument 1783 aufgestellt.

In vielen Metropolen Europas zirkulierten Beschreibungen und Veduten des Freiheitsdenkmals auf der «Île près de Lucerne». Es gab erste Interessenten für Besuche. Goethe plante, dem Denkmal auf seiner dritten Schweizerreise von 1797 die Referenz zu erweisen. Soweit sollte es nicht kommen. Im August 1796 hatte ein Blitz, angezogen durch den Tellenapfel, das Denkmal getroffen, es konnte nicht repariert werden. Nicht wenige sahen darin ein Fanal für den drohenden Angriff der Franzosen auf die Alte Eidgenossenschaft. Ein Rezyklat des Obelisks steht bis heute im Friedhof von Malters als Denkmal für die getöteten Freischärler von 1845. Wenn Goethe das Denkmal auch nie zu Gesicht bekam, hatte er dennoch die Gelegenheit, den Standort auszumachen. Auf dem Relief der Zentralschweiz von General Pfyffer, das ihm anlässlich seines Aufenthaltes in Luzern gezeigt wurde, war das Denkmal auf der Altstatt mit einem Metallstift sichtbar gemacht.

Insel der Frühindustrialisierung

Tatsächlich war Luzern beim Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert arm an touristischen Attraktionen. Gerne wurden auswärtige Besucher zum Pfyfferschen Relief und zum Zwinglihelm im Zeughaus geführt. Ausländischen Reiseschriftstellern fiel, nebst den schlechten Strassen und den schönen Frauen, erstaunlich oft die mangelnde Industrialisierung auf. So schrieb der englische Historiker William Coxe 1776, in der Stadt habe es keine Manufakturen von Bedeutung und der Handel sei sehr schwach. Zudem sei der Bildungsstand tief und die Stadt entsprechend wenig kultiviert. «What a contrast to Zurich!».

Die Industrialisierung hatte in Luzern, im Vergleich zu anderen Kantonen, recht spät begonnen. Erste halbindustrielle Betriebe entstanden längs des Krienbaches, der die benötigte Wasserkraft lieferte. An der Reuss wurde die Wasserkraft in erster Linie durch die Mühlen bei der Spreuerbrücke genutzt. Der Beginn der intensivierten Nutzung der Reuss war das Jahr 1832, als die Mechanische Werkstätte Meyer die Erlaubnis erhielt, die Sandbank unterhalb des St.-Karli-Gebietes zu befestigen und mit einem Kanal zu erweitern: Die Reussinsel war geboren. Mit dem Einbau einer Schwelle in der Reuss wurde die Wasserkraft auf ein Wasserrad geleitet. Hundert Jahre hatte diese Insel Bestand und bot verschiedenen kleineren und grösseren industriellen Betrieben eine Heimat.

Als erste entdeckten die Gebrüder von Moos die Insel. Um ihren Eigenbedarf abzudecken, erwarben sie 1842 den südlichen Teil der Reussinsel, richteten einen kleinen Drahtzug und eine Stifte- und Nagelschmiede ein. Die Firma von Moos arbeitete sehr erfolgreich. Der Platz auf der Insel wurde ihr schon bald zu knapp und sie expandierte auf die Emmenweid. Der Erfolg der Firma Von Moos und die Wasserkraft zogen weitere Firmen auf die Reussinsel. 1874 gründeten Robert Schindler und Eduard Villiger eine mechanische Werkstätte auf der Reussinsel. Vorerst waren sie hauptsächlich auf Einrichtungen für die Landwirtschaft und für Mühlen ausgerichtet. Sie hatten Erfolg und expandierten nach 10 Jahren auf die Sentimatte. Es entstand ein bedeutender Aufzugsproduzent. Weitere heute kaum mehr bekannte Firmen zog es auf die Reussinsel. So die Diamantschleiferei Eduard Drexler, der grösste Betrieb seiner Art in der Schweiz und die Holztypenfabrik Roman Scherer. Scherers Holztypen, das sind Buchstaben und Symbole aus Birnbaumholz, verkauften sich weltweit.

1912 stellte die Firma Von Moos die Produktion auf der Reussinsel endgültig ein. 1927 wurden das Gelände und die alte Fabrik an Obrist Ladenbau verkauft. Mit Obrist wurde eine neue Zeit auf der Reussinsel eingeleitet, die Reussinsel verschwand endgültig. Als die SBB 1932 den Bahndamm auf drei Gleise erweiterten, packte Obrist die Gelegenheit und liess den Industriekanal zuschütten. Obrist gewann dadurch Platz und eine Insel ging verloren.

Der Inselschwund

Nur zwanzig Jahre später erlitt das Inseli beim Bahnhof das gleiche Schicksal. Um Platz für den aufkommenden Cartourismus zu gewinnen, wurde 1954 der Kanal zwischen Ufer und dem Inseli zugeschüttet. Aus dem Inseli wurde eine Halbinsel, an deren Rand bis heute die Idylle durch unzählige Reisecars gestört wird. Eine Änderung dieser Situation wird erfreulicherweise angestrebt.
Auch wenn nun der argentinische Fumetto-Künstler Pablo Boffelli seine Traumvorstellung einer Insel am Rande der ehemaligen Reussinsel nichtverwirklichen wird, die Luzerner Inseln werden nie ganz aus dem Gedächtnis der Stadt verschwinden.

Hans Jurt


Die Fluhmühle als verkehrspolitische Luzerner Manövriermasse (19. April 2019)

Es vergeht kaum ein Tag ohne Berichterstattung in irgendeinem Zentralschweizer Medium über die «Spange Nord». Der neuste Artikel titelt: «Grundstückpreise entlang der Spange Nord» steigen (LZ, 5.4.2019). Dabei bezieht sich der Artikel wie fast immer auf den durch die Spange Nord massiv belasteten Abschnitt Schlossberg/Friedental bis Lochhof. Fast bekommt man den Eindruck, die Spange Nord würde hier enden, dabei wird sie ab Lochhof erst so richtig spektakulär! Denn ab hier soll dereinst auf die andere Seite der Reuss eine gigantische Brücke in die Fluhmühle führen. Selbst in der sehr spekulativen, da milliardenschweren Variante Haldenstrasse (Tunnel von der Halde bis zum Lochhof) ist die Brücke Richtung Fluhmühle vorgesehen – ausser in einer optionalen Zusatzvariante.

Dem Reusstal und seinen BewohnerInnen scheint verkehrsmässig alles zuzumuten zu sein. Vieles steht noch in den Sternen und doch werden schon Fakten geschaffen: Auf der Hauptstrasse bei der Fluhmühle wird dreispurig geplant und die Baugerüste beim Viadukt auf der Hauptstrasse sind schon ausgesteckt. Für das Projekt K13 wird das Viadukt höher gelegt (ca. 2,4 Meter). Sicherheitsgründe werden seitens der Behörden angefügt und in sprachlichen Kapriolen wird verlautbart, dass das Viadukt zwar anschlussfähig an die Spange Nord sei, jedoch das Ganze keinesfalls präjudizierenden Charakter habe. Die Fluhmühle als verkehrspolitische Manövriermasse, das hat Tradition.

Luzerns Nadelör

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Verkehr und Infrastruktur durch die Geschichte der linksufrigen Gebiete (Reussinsel-Fluhmühle-Reusstal-Reussbühl) zwischen Luzern und Emmenbrücke. Bis ins Mittelalter versperrten schroffe Felsen eine direkte Verbindung auf dem Talboden, dafür war die Reuss noch die zentrale Luzerner Verkehrsader. Nach verschlafenen Jahrhunderten am Flussufer katapultierten Eisenbahn und Industrialisierung das Reusstal aber abrupt in die Moderne. Auf der Reussinsel machten sich Stadtluzerner Industriepioniere ans Werk und brachten mittels Wasserkraft Hämmer und Keilriemen in Schwung. Neben den Luzerner Industriegrössen von Moos und Schindler waren auch Diamantschleifer, Darmfabrikanten, Holztypenproduzenten und Ladenbauer am Werk. Gerade jetzt ziehen die letzten Gewerbetreibenden aus, und die Transformation vom Industriestandort zur Wohnzone an der Reuss nimmt ihren Lauf.

Kann die Industrialisierung des Reusstals als abgeschlossener Prozess betrachtet werden, so nimmt die Mobilität weiterhin zu. Noch immer fährt fast jeder Zug nach und aus Luzern durch das Reusstal. Drei Zuglinien (ab 1859), das Tram (1901–1961) und schliesslich der aufkommende motorisierte Individualverkehr inklusive Autobahn (ab 1971) verwandelten diese Zone seit der Industriellen Revolution in einen dynamischen, aber bis an die Grenze des Erträglichen belasteten Sozialraum. Hier konzentriert sich Luzerns Verkehrsgeschichte in einem winzigen Punkt in maximaler Ausprägung auf minimaler Fläche (an der breitesten Stelle misst das Gebiet ca. 200 Meter). Hier ist es eng, schattig und feucht – und alles ist im Fluss.

Die Suche nach einem Dorfplatz

Der UntergRundgang Luzern führt in seinem neusten Stadtspaziergang (im Rahmen des Innerschweizer Kulturprojekts «Die andere Zeit» der Albert Koechlin Stiftung) ausgehend vom Kreuzstutz in die Fluhmühle. Daraus eine Episode mit typischem Charakter: Es geht um die Suche nach einem öffentlichen Platz für die BewohnerInnen der Lindenstrasse zur Zeit des aufkommenden Automobilismus in den 1920er Jahren. Damals war die heutige Lindenstrasse gemäss offiziellen Verkehrszählungen die meistbefahrene Strasse des Kantons. Entsprechend wuchs das «zur Dringlichkeit gewordene Bedürfnis» der Anwohner, im engen Strassenbild mit fast geschlossenen Baureihen eine freie Fläche als Begegnungszone zu erhalten: einen Dorfplatz.

Auf dem Grundstück einer halbverlotterten «Liegenschaft Zimmeregg» ergab sich durch den tragischen Tod des Besitzers Mathias Wicki eine Gelegenheit. Wicki war der letzte Besitzer der ältesten Liegenschaft an der Lindenstrasse und soll in seinen letzten Jahren gleichsam mit seinem Gebäude verwahrlost sein. Der Chronist der Kanalisationsgenossenschaft schildert, wie Wicki „in Frauenkleidern in den düsteren, gespensterhaft aussehenden Gemächern“ des Hauses herumgeschlichen und schliesslich 1923 beim Zersägen von Hausgebälk abgestürzt sei und den Tod gefunden habe.

In der Kegelbahn des angrenzenden Restaurants Gartenhaus wurde das «Wickihaus» versteigert und gelangte über Umwege an die «Schweiz. Viscosegesellschaft Emmenbrücke». Diese schenkte das Gelände auf Anfrage der Kanalisationsgenossenschaft Reusstal mit der Auflage, der Platz dürfe nicht bebaut werden. So entstand auf dem Grundstück, welches früher als Restauration diente und wo auch die 775 Arbeiter des Zimmereggtunnels (erbaut 1875) ab und an einkehrten, ein Dorfplatz. Sechs Jahre später wurde die Lindenstrasse durch den Bau des Viadukts und die neue Kantonsstrasse vom Hauptdurchgangsverkehr entlastet, der Dorfplatz dient aber heute noch als Spielplatz.

Fehlende und zu gewinnende Freiflächen für Spiel und Begegnung bleiben bis heute ein Dauerthema im Quartier. Der gegenwärtig grösste Spielplatz (Fluhmühlepark) soll bald für Bauinstallationen verwendet werden und im neusten Bebauungsplan für das Gebiet Fluhmühle-Lindenstrasse ist die Rede von einem neuen Hochhaus auf dem Areal der Garage Steiner, das nur in Kombination mit einem neuen Spielplatz gebaut werden kann. Es warten spannende Entwicklungen und fantastische Projekte auf ihre Verwirklichung – in der Fluhmühle, wo alles im Fluss ist.

Peter Lussy


«Friedrich Goll: Ein Orgelbauer aus dem Untergrund-Quartier» (15. September 2018)

Die Luzerner Orgelbaufirma Goll feiert dieses Jahr seinen 150. Geburtstag. 1868 übernahm Friedrich Goll die Werkstatt auf der Sentimatte. Aber bereits 9 Jahre zuvor wurden dort Orgeln gebaut.

Orgelbaumeister Friedrich Goll war ein Ausnahmetalent. Er war der «bedeutendste Schweizer Orgelbauer im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts», sagt Bernhard Hörler in seinem Text zu Golls 100. Todesjahr. Entsprechend standen die Gollschen Orgeln in unzähligen Kirchen der Schweiz und im nahen Ausland. Eine Orgel schaffte es sogar bis nach Kolumbien. Gebaut wurden diese riesigen sakralen Musikinstrumente auf der Sentimatte im Untergrundquartier.

Der spätere Orgelbauer Goll wurde am 28. Oktober 1839 im Württembergischen Bissingen an der Teck geboren. Bereits mit 15 Jahren begann er seine vierjährige Lehre als Orgelbauer bei seinem Bruder Christoph Ludwig Goll. 1858 zog er nach Freiburg im Breisgau, um als Geselle bei Jakob Forrell zu arbeiten. Der Orgelbauer Friedrich Haas, der seit 1859 seine Werkstatt im Untergrundquartier betrieb, lockte Goll nach Luzern. Haas sah in Goll seinen Nachfolger und förderte den äusserst begabten und fleissigen jungen Mann. Die beiden «Genies ihres Fachs» ergänzten sich perfekt. So optimierte Goll mit eigenen Verbesserungen die bereits damals hochgelobten Orgeln von Haas.

Wanderjahre und Neuanfang

Da Haas bei Goll noch Verbesserungspotential bei den «Zungenstimmen» sah, stellte er ihm 1865 einen Wanderbrief aus und sandte ihn nach Paris. Zwei Jahre später übergab Haas sein Geschäft dem 29-jährigen Betriebsleiter in Abwesenheit. Goll kehrte erst 1868 nach einem Umweg über London nach Luzern zurück. Dieses Jahr gilt für die heute noch im Tribschen-Gebiet ansässige Firma Goll als offizielles Gründungsjahr. Als eine der ersten Orgeln baute die Firma Goll jene in der Luzerner Franziskaner-Kirche. 1871 bezog Goll seinen Wohn- und Geschäftssitz in der Sentimatte 598 K + L. Den nationalen Durchbruch schaffte er im Jahr 1877 mit dem Bau der Hauptorgel in der Klosterkirche Engelberg.

Da die Firma dem neuen kantonalen Fabrikgesetz unterstellt wurde, gründete Goll 1878 als einer der ersten Firmenpatrone der Schweiz eine eigene Betriebskasse für die Mitarbeiter. Seine Orgelschreiner und Orgelbauer lebten zu grossen Teilen im Untergrund. 1891 wohnten beispielsweise 14 von ihnen in der Basel- oder Bernstrasse. Bis Goll den Betrieb seinem Sohn Karl 1904 übergab, baute die Firma 258 Orgeln. Danach wuchs die Firma rasant weiter. 1914 hatte sie bereits 70 Angestellte. 1921 wurden die Werkstätten dann nach Horw verlegt.

Nur wenige Orgeln «überlebten»

Zu Friedrich Golls prestigeträchtigsten Arbeiten gehört sicher die Renovation der Luzerner Hofkirche 1899 oder der Umbau der Berner Münsterorgel. Aber auch im Untergrund erhielt er einen Auftrag. Er baute 1894 die Orgel in der Sentikriche.

Seine Ausstellungsstücke wurden sowohl an der Zürcher Landesausstellung von 1883 als auch an der Genfer Landesausstellung von 1896 mit Goldmedaillen ausgezeichnet. Trotz der hochgelobten Bauweise Golls haben nur 39 «seiner» Instrumente bis heute überlebt. Der Grund dafür liegt in der «deutschen Orgelbewegung» der 1920er-Jahre. Diese versuchte, ein idealisiertes barockes Orgelklangbild wieder zu beleben. Dazu wurden bis zur Jahrtausendwende zahlreiche vermeintlich unpassende «Orgeln» abgerissen und durch solche mit «neobarockem Klangbild» ersetzt. Heute weiss die Forschung, dass ein solch angestrebtes barockes Klangbild so niemals existiert hat. Entsprechend wird nun den abgerissenen Goll-Orgeln vielerorts nachgetrauert.

Friedrich Goll erlebte die deutsche Orgelbewegung nicht mehr: Er starb am 2. März 1911 während eines stürmischen Abends in seinem Haus an der Sentimattstrasse 2 im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung. Wer eine Goll-Orgel mit eigenen Augen betrachten oder besser – mit eigenen Ohren belauschen möchte, kann dies in der Klosterkirche in Engelberg tun. Die Hauptorgel von 1877 ist die älteste noch existierende Goll-Orgel. Auch in der St. Magdalena-Kirche in Meggen (1889) oder in der englischen Kirche in Luzern (1903) stehen noch die Instrumente Golls. Jene in der Sentikirche wurde leider ersetzt.

Michael Weber


«Grabe, wo du stehst» (1. Dezember 2017)

Derzeit befindet sich im Historischen Museum Luzern eine Ausstellung von Urs Häner. Er hat im Foyer des Historischen Museums sieben «Cabinets» mit Geschichten aus seinem Quartier eingerichtet.

01.12.2017 – 09.09.2018

Wer Spannendes entdecken will, muss nicht unbedingt in die Ferne reisen – auch vor der eigenen Haustüre lassen sich reichlich Schätze heben. Der Lebensraum Quartier ist selber ein weites Feld, um Recherchen anzustellen und manche gefährliche Erinnerung wachzuhalten. Seit 1985 lebt Urs Häner in Luzern, wo er sich in verschiedenen Gruppen und Aktivitäten engagiert. Zentrum seines Wirkens ist das BaBeL-Quartier, in dem er selbst lebt. Als Geschichtensammler und -vermittler prägt er das Bild des Quartiers mit. Als «UntergRundgänger» berichtet er von Recherchen und Schätzen, welche diese Equipe gehoben hat. Solche Sedimente von Begebenheiten aus dem Quartier sind Fundstücke gelebten Lebens. Sie haben für Urs Häner das Potenzial, unsere eigene Gegenwart kritisch zu hinterfragen, und zielen damit direkt auf unsere Identität.
Urs Häner ist ein aktiver Mitgestalter dieses Lebensraums. Er versteht ihn als ein Puzzle, das zwar nie fertig wird, aber gemeinschaftlich zu ergänzen ist. Ihm ist es wichtig, das Globale auch im Lokalen durchzubuchstabieren. Erinnern und erzählen, sammeln und sortieren sind der Ausgangspunkt solidarischen Handelns, um an der eigenen Geschichte weiterzuschreiben.
Urs Häner hat im Foyer des Historischen Museums sieben «Cabinets» mit Geschichten aus seinem Quartier eingerichtet.

Donnerstag, 30. November 2017, 18.30 Uhr
Vernissage
Christoph Lichtin, Direktor Historisches Museum, im Gespräch mit Urs Häner

Mittwoch, 14. März 2018, 19.30 Uhr
Cabinet Satellit
Ein Abend zur Geschichte des Sentitreffs und seiner Giraffe, mit Urs Häner und Gästen
Veranstaltungsort: Sentitreff, Baselstrasse 21, 6003 Luzern (Eintritt frei)

Mittwoch, 25. April 2018, 18.30 Uhr
Cabinet Outdoor
Vom Kurzweilplatz zum Gasthaus Kreuzstutz, ein Rundgang mit Urs Häner
Treffpunkt: Historisches Museum

Achtung! Bitte Anmeldetool des Historischen Museums benutzen

Mittwoch, 29. August 2018, 18.30 Uhr
Cabinet Spezial
Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank. Bilder aus dem Luzerner Untergrund – 30 Jahre danach
Eröffnung der Installation im Foyer des Historischen Museums
Mit Urs Häner und Ruedi Meier, alt Stadtrat und Historiker

Kurator:
Christoph Lichtin

Flyer

Zum Historischen Museum


Urs Häner erhält Ehrennadel (26. Oktober 2017)

Wir vom UntergRundgang freuen uns, dass unser Gründungsmitglied Urs Häner von der Stadt Luzern am 26. Oktober 2017 die Ehrennadel verliehen bekam. Der Luzerner Stadtrat verlieh ihm diese Ehrung für das Wirken zum Wohl der Stadt. Vorab war zu diesem Anlass in der Luzerner Zeitung ein Portrait erschienen:

Hier... die Online-Ausgabe des Artikels.

Herzliche Gratulation von allen UntergRundgängerInnen!


Als das Proletariat noch marschierte (28. April 2017)

Kleine Geschichte des Ersten Mai in Luzern

Zu einem gesetzlichen Feiertag hat es der «Tag der Arbeit» im wenig industrialisierten Kanton Luzern nie geschafft. Aber einst war doch einiges am 1. Mai los, wenn die Gewerkschaften zum Umzug für Arbeiterrechte und Arbeitszeitverkürzung aufgerufen hatten. Vor allem im Untergrund-Quartier pflegte man eine kämpferische 1.-Mai-Tradition.

2014 gab es Knatsch um die Erster-Mai-Demo. Ausgerechnet der Präsident der Grünen der Stadt Luzern, Marco Müller, kritisierte die Sperrung der Seebrücke für den arbeiterbewegten Umzug. «Ist es verhältnismässig und gerechtfertigt, am 1. Mai abends in der Rush Hour für 100 Nasen die halbe Seebrücke zu sperren? Ich meine ganz klar, nein», postete der Grüne auf Facebook.

Knatsch um den 1. Mai in Luzern, das ist eine lange Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückführt. Bereits beim ersten Mal, als der damals noch der Liberalen Partei nahestehende Arbeiterbund erstmals zu einer Feier zum Tag der Arbeit 1890 aufrief, vermeldete das «Vaterland», die Zeitung der Katholisch-Konservativen: Bloss 50 Mann mit Trommel und drei Fahnen seien marschiert, darunter besonders viel Ausländer. Der Vorwurf, dass vor allem radikalisierte Ausländer am 1. Mai marschieren, sollte die 1.-Mai-Feierlichkeiten weit ins 20. Jahrhundert hinein begleiten.

Italiener von Polizei bespitzelt

Der 1. Mai war denn auch ein Marathontag für die Polizeispitzel. Eine aufschlussreiche Fiche findet sich im Staatsarchiv Luzern. Da berichtet der italienischkundige Polizeikorporal Anton Aerni über seine Beobachtungen anlässlich der Gründung eines sozialistischen Vereins von italienischen Arbeitern am 1. Mai und 2. Mai 1897.

Aus dem Gasthaus Kreuzstutz, von den Untergründlern auch «Volkshaus II» genannt, rapportierte er: «Vor einer circa 200 Italienern bestandener Menge redete ein Vergnanini, angeblich Schriftsteller in Genf, circa 36 Jahre alt, 173 cm hoch, Haare und kleines Schnurrbärtchen dunkelblond, Gesicht blass, spitz, Nase lang, schwarz gekleidet. Derselbe nannte seine Zuhörer Lasttiere, Sklaven des Kapitalismus, feuerte sie an, sich zu einem Vereine zu gliedern, um so wirksamer dem drohenden Verderben entgegen zu arbeiten, sich frei zu machen, und weil in numerischer Mehrheit dastehend, die Oberhand zu erringen.»

«Gegen die Front des Kapitals»

Aber die Erster-Mai-Bewegung blühte selbst im wenig industrialisierten Luzern auf. Besonders eindrucksvoll war der Umzug im Jahre 1935. Hier wurden schon im April Chorproben für die Parolen angesetzt, mehrere Wagen mit Figuren geschmückt und Transparente gemalt mit der Aufschrift «Gegen die Front des Kapitals – die Front der Arbeit». Einer der Wagen war der Forderung nach dem achten Pflichtschuljahr gewidmet.

«Der farbenfrohe Wagen war beladen mit Blumen geschmückten Kindern, die das stolz in die Welt guckten und ihre Freude daran hatten», schrieb die Arbeiterzeitung und fuhr fort: «Und schliesslich folgt noch der Wagen der Bau- und Holzarbeiter. Zwischen den Wagen marschierten die Massen, Musikcorps, Sportorganisationen, Frauen, Gewerkschafter Seite an Seite mit den Genossen; und in allen Gesichtern stand die Entschlossenheit, für das Ziel des Befreiungskampfes einzustehen.»

Auf der Strasse Farbe bekennen

Mit dem Zweiten Weltkrieg wendete sich das Blatt. Der 1. Mai war gestrichen aus dem Festkalender des Proletariats. Burgfrieden herrschte zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Auch noch 1944 entschied das Luzerner Gewerkschaftskartell, keinen Mai-Umzug zu veranstalten. Im «Volkshaus II» am Kreuzstutz sah man die Dinge anders. Hitlers Bedrohung war nicht mehr drückend und für die Untergründler war es wieder an der Zeit, auf der Strasse mit roten Flaggen Farbe zu bekennen.

So liest man in der damaligen Arbeiterzeitung «Freie Innerschweiz»: «Pünktlich um 14 Uhr marschierten die Untergründler mit einigen Genossen aus der Stadt beim Volkshaus Kreuzstutz ab. Voraus wurden die Arbeiter-Radler, ihnen folgten die Fahnengruppe, die Musikgesellschaft Reussbühl, die mit ihren Flottenmärschen viele Zuschauer herbeilockte, anschliessend die Frauen und Männer.»

Die Schilderung zeigt ganz eindrücklich, wie tief verwurzelt noch in den 1940er-Jahren die Arbeiterkultur war. Von der Musik über den Sport, von den Velofahrern über die Naturfreunde, von den Theater- bis hin zu Jugendgruppen war der ganze Freizeitbereich, ganz ähnlich dem geschlossen katholischen Milieu, von Arbeitervereinen organisiert. Im Untergrund trafen sich diese Vereine vor allem im Kreuzstutz. Es gehört zu den kennzeichnenden Symbolen des Niedergangs der Arbeiterkultur, dass mit dem Aufkommen des Individualverkehrs das Volkshaus II am Kreuzstutz für die Verbreiterung der Baselstrasse abgerissen wurde.

Individualität statt Kollektiv

Individuelle Freizeitgestaltung statt die Nestwärme im Kollektiv war ab den 1960er-Jahren angesagt. Dies machte sich auch bei den rückläufigen Teilnehmerzahlen der 1.-Mai-Umzüge bemerkbar. Zählte man früher noch 3’000 Teilnehmende bei den Kundgebungen auf dem Kornmarkt, hörten bei der letzten Mai-Feier der alten gewerkschaftlichen Garde nur noch 1’500 Menschen zu. Mit dem Epochenumbruch von 1968 spaltete sich dann die 1.-Mai-Bewegung auf.

Die Neue Linke, die später als POCH (Progressive Organisationen Schweiz) auch Einsitz im grossen Stadtrat nahm, wollte nichts mehr von Sozialpartnerschaft und verwedelnden Kompromissen mit den Arbeitgebern wissen. Sie wollten Klassenkampf und Kriegsdienstverweigerung, Dritte-Welt-Themen und Feminismus auf die politische Agenda setzen. Sozialdemokraten und Gewerkschaften verzogen sich dann am 1. Mai in den Saal des Ankers (ehemalige Volkshaus), während die Neue Linke auf dem Kornmarkt anzutreffen war.

Das «Vaterland» höhnte 1973 über den Aufmarsch der 500 Demonstrierenden der Neuen Linken: «Die Masse der Demonstranten ist eine Masse ohne Bewusstsein, eine Masse, die nicht oder noch nicht in der Lage ist, eine effektvolle Demonstration durchzuführen.» Während bei den letzten Mai-Feiern der alten Gewerkschaftsgarde im Publikum kaum Transparente, dafür viele in Anzug gekleidete Arbeiter zu sehen waren, fehlte in den 1970ern auf dem Kornmarkt nicht «ein malerischer Transparentenwald mit sozialistischen Parolen», wie die «Luzerner Neueste Nachrichten» 1974 bemerkte.

Delf Bucher


Warum die Innerschweiz katholisch blieb (22. Februar 2017)

Reformation fand bei der Bildungselite Anklang

Reformation und Innerschweiz sind keineswegs ein Gegensatzpaar. Vor allem die Bildungselite in Klöstern und Stiftsschulen war elektrisiert vom neuen Glauben. Die Bauern und die vom Soldwesen profitierenden Kreise hingegen standen der Reformation ablehnend gegenüber.

Reformation in der Innerschweiz – das verhält sich so widerstrebend zueinander, als wenn Vertreter der Occupy-Bewegung plötzlich die Geschäftsleitung der UBS übernehmen würden. Hand aufs Herz – eine kleine Strassenumfrage in Luzern oder Zug würde ergeben, dass kaum jemand eine gemeinsame Schnittmenge zwischen Reformation und Innerschweiz entdecken würde.

Bei uns im Team des UntergRundgangs hat sich eine kollektive Vorstellung festgesetzt: Unsichtbar habe sich im 16. Jahrhundert zwischen dem reformatorischen Kraftort Zürich und der Innerschweiz ein unüberwindbarer Gebirgszug aufgetürmt. Ehrlich gesagt, habe ich als schwäbischer Zuzüger, den es Mitte der 1990er Jahre in die Schweiz verschlagen hat, ebenso gedacht. Der Begriff «katholische Stammlande» hat meinen Blick dafür verstellt, dass die Zentralschweiz in Verbindung mit der Reformation gebracht werden könnte.

Fromm und versoffen

Schon rein visuell trumpft hier der Katholizismus auf: Mit der Pracht der Wallfahrtskirchen, wie dem Kloster Einsiedeln oder Hergiswald. Dann begegnen einem beim Wandern die vielen Kapellen, angefüllt mit Katakombenheiligen. All das brachte mir die Aussage des Gegenreformators Karl Borromäus näher. Der Mailänder Bischof lobte bei seiner Visitationsreise in die Innerschweiz die besonders innige Glaubensbeziehung des Völkchens hier. Wenn dem hohen Besuch von ennet dem Gebirg auch die tief verwurzelte Frömmigkeit gefiel, so kritisierte er eines: Nach der Messe hätten sich die männlichen Kirchgänger oft dem Suff hingegeben.

Nun aber habe ich mich längst von der Vorstellung verabschiedet, dass scheinbar ein katholischer Gott seine schützende Hand über die Zentralschweiz gehalten hat. Als wir vom «UntergRundgang» zu Jahresbeginn zusammen mit dem Theologieprofessor Markus Ries und dem reformierten Pfarrer Beat Hänni einen Reformationsrundgang zum Anlass des 500-jährigen Reformationsjubiläums in Luzern planten, war ich überrascht: Beim Brainstorming fielen uns so viele reformationsgeschichtliche Stationen und Stichwörter ein, dass wir locker einen 24-stündigen Geschichtsmarathon zusammentragen könnten. Wir werden dementsprechend im August die abgespeckte Version eines zweistündigen Rundgangs starten.

Reformiertes Einsiedeln

Auch der Historische Verein Zentralschweiz (HVZ) trat mit einer Tagung Ende Januar den kulturkämpferisch geprägten Legenden über Reformation und Gegenreformation entgegen. Bereits das Klosterdorf Einsiedeln zeigt: Wenn auch der ganze Klosterbezirk heute von einer katholischen Patina überzogen ist, Einsiedeln könnte – wenn das historische Bewusstsein etwas geschärfter wäre – durchaus ein reformierter Erinnerungsort sein. Denn hier haben nicht nur Huldrych Zwingli aus Zürich, sondern auch sein reformierter Mitstreiter Leo Jud und der aus Zug stammende reformierte Werner Steiner als Leutpriester gewirkt. An diesem Ort wurde 1522 eine Petition von reformiert gesinnten Priestern verfasst mit der Forderung an den Konstanzer Bischof, für Weltpriester das Zölibat aufzuheben und ihnen zudem die reformierte Predigt zu gestatten.

Es waren nicht wenige Geistliche und Gelehrte in der Innerschweiz, die Luthers und Zwinglis Schriften klandestin studierten und in ihrem Giftschrank aufbewahrten. Staatlich angeordnete Visitationen zeigen: Das reformatorische Schrifttum fand in Klöstern, Pfarrhaushalten und bei einer akademisch geschulten Leserschaft Aufnahme.

Aufgrund einer Denunziation wurde beispielsweise das Kloster Sankt Urban1524 nach «lutherischen» Schriften untersucht. Die Zensoren wurden fündig. In ihrem Eifer konfiszierten sie zudem alle griechische Literatur, die unter dem Generalsverdacht stand, reformatorisch zu sein. Was auch zeigt: Der humanistische Geist, der zurück zu den Quellen drängte, war den altgläubigen Kirchenoberen suspekt.

Besonders ins Visier geriet dabei der humanistische Gelehrte Oswald Myconius, der seine Stelle als Lehrmeister wegen seiner reformatorischen Gesinnung 1522 verlor. Der Luzerner Schüler des wegweisenden Humanisten Erasmus von Rotterdam stand in engem Briefkontakt mit Zwingli und wurde später das reformierte Oberhaupt der Basler Kirche.

1522 war auch der entscheidende Wendepunkt: Immer mehr reformiert Gesinnte verliessen die Zentralschweiz aufgrund des politischen Drucks. Doch zurecht hält der Schriftsteller und Historiker Pirmin Meier bei der HVZ-Tagung fest: «In der Bildungsgeschichte der Zentralschweiz spiegelt sich die Nähe zur Reformation. Wenn die ökonomischen Interessen nicht anders gelagert gewesen wären, hätte es anders herauskommen können.»

Republikanisch gegen die kirchliche Hierarchie

Wirtschaftliche und politische Interessen, das war jahrhundertelang die gängige Argumentation, um die strikte Abweisung der Reformation in der Zentralschweiz zu erklären. Die Elite, die die Söldnerführer stellte, fühlte sich durch die Kritik der Reformatoren um ihre profitable Existenz gebracht.

Bereits 1994 machte der Berner Historiker Peter Blickle in seinem berühmten Aufsatz «Warum die Innerschweiz katholisch blieb» auf ein weiteres zentrales Motiv aufmerksam. Vieles, so die These Blickles, was sich die Bauern im Mittelland wünschten, war in der Innerschweiz längst Realität. Forderungen nach freier Pfarrwahl waren hier längst verwirklicht.

Mit einer Landkarte rund um den Vierwaldstättersee dokumentierte der Historiker Beat Kümin die These Blickles eindrucksvoll. Rund um den See häuften sich mehr als 30 Punkte von Kirchgemeinden, die sich längst aus der bischöflichen Obhut von Konstanz emanzipiert hatten. Kümin nannte als Beispiel Gersau, das sich nicht nur als Reichsdorf bis 1798 als freie Republik gehalten hatte.

Der republikanische Geist der Landsgemeinde griff dort auch auf die kirchliche Institutionen über. Der Pfarrer wurde in Gersau als ein Staatsangestellter behandelt, der seine Dienste nach einem vom Rat erstellten Pflichtenheft zu erledigen hatte. Während gerne katholisch Erzkonservative rund um den Bischof Vitus Huonder das «Staatskirchentum» als eine rein reformiert-freisinnige Erfindung denunzieren, hatte sich dieser Typus längst vor der Reformation in der Zentralschweiz etabliert.

Damit ist auch klar: Für die humanistisch Gebildeten wie Myconius ging von den Ideen der Reformation eine magnetische Anziehungskraft aus, die Bauern und Handwerker dagegen blieben immun.

Delf Bucher


Niedrige Mieten, dafür viel Lärm und Gestank (4. November 2016)

Die Entwicklung des Untergrund-Quartiers an der Baselstrasse

Das Untergrund-Quartier ist geprägt von Multikulturalität und der stark befahrenen Baselstrasse. Was heute wegen der tiefen Mietpreise wieder zur hippen Wohnlage wird, bewegte sich früher zwischen Alleebäumen und Disziplinierungsanstalten.

Motoren wummern, Abgase hängen in der Luft. Kein Luzerner Stadtrundgang findet unter so erschwerten Bedingungen statt wie der «UntergRundgang» in der Baselstrasse. Vor einem tamilischen Laden versuche ich zu erklären, dass Sozialgeographen des Bundesamts für Statistik das Untergrundquartier zum Hotspot von Multikulturalität erklärt haben. Menschen von über 70 Nationen wohnen hier. Und jeden Tag quälen sich zwischen Kreuzstutz und Kasernenplatz 20’000 Autos durch.

Dabei gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Verkehrsbelastung und dem hohen Anteil von ausländischer Wohnbevölkerung. Lärm und Gestank senken die Mieten. Und so erklärt sich auch, dass im Untergrund nach der Erhebung von Lustat Statistik Luzern der Mittelwert der monatlichen Wohnungsmieten (2- bis 3-Zimmer-Wohnungen) mit 1050 Franken am günstigsten in der Leuchtenstadt ist.

«Trolleybus – das grosse Plus»

Vor der grossen Automobilmachung fanden sich in der Baselstrasse noch Alleebäume. In der noch wenig befahrenen Strasse verkehrte selbst noch eine Tramlinie nach Emmenbrücke. Dann aber kam der Autoboom der 1950er-Jahre. Die Verkehrspolitik der Stadt lautete «Trolleybus – das grosse Plus». Die Tram kam weg, die Häuser rings um den Kasernenplatz machten Platz für den Autobahnzubringer und die Zahl der Kraftfahrzeuge sprang von Jahr zu Jahr mehr in die Höhe.

Ein bisschen war es schon immer so. Bis ins Mittelalter zurück versammelten sich in dem damaligen Quartier St.-Jakob-Vorstadt die Ungunstfaktoren städtischen Lebens. In den Spitälern fanden sieche Pilger (St.-Jakob-Spital) und an den Rand gedrängte Stadtbewohner (Sentispital) ihr Asyl. Auch der Henker hatte dort seinen Richtplatz, wo sich der heutige Parkplatz der Pädagogischen Hochschule (ehemaliges Schindlerareal) befindet.

Baselstrasse als Disziplinierungsmeile

Dann aber differenzierten sich die städtischen Sozialanstalten. Die Baselstrasse verwandelte sich im 19. Jahrhundert zur Disziplinierungsmeile mit Waisenhaus, Sentianstalt, Haus für «gefallene Weiber» und natürlich dem grossen kantonalen Gefängnis.

Der Jahresbericht des Gefängnisses von 1865 zeigt sich besonders rücksichtsvoll gegenüber der mittlerweile proletarischen Bevölkerung des Quartiers. «Streng vegetabilische Kost» wurde verordnet – Kartoffeln! Kartoffeln! Kartoffeln! –, um nicht den Neid der «schlecht genährten, darbenden, ehrlichen Bevölkerung zu erregen».

Der Umzug des Gefängnisses 1948 ins Wauwilermoos war damit verbunden, das «neue Wohnen» mit modernen Wohnungen ins Quartier zu tragen. In der Überbauung Sentihof der Patria-Versicherung entstanden die teuersten Mietwohnungen der Stadt. Der Preis für den Komfort des mit elektrischen Helfern ausgestatteten Haushalts war hoch. Denn die Wohnungen waren mit allen technischen Raffinessen der damaligen Zeit ausgestattet (Elektroherde mit elektrischen Backöfen, fliessendes heisses Wasser aus Mischbatterien, Waschküche mit Waschmaschinen).

Unattraktive Wohnlage wird hip

Bald aber sollte auch diese «soziale Aufwertung» des Quartiers versanden. Neubauten nahmen die Sicht auf Reuss, See und Berge, der Verkehrsmoloch machte dem idyllischen Wohnen im begrünten Innenhof ein Ende. Bis Ende der 1990er-Jahre war der grosse Innenhof mit parkierenden Autos zugestellt.

Nach dem Jahr 2000 begann dann wieder an den Rändern des Quartiers eine Offensive für «Schöner Wohnen» im gehobenen Preissegment. Mit Gütschhöhe und der Bebauung der Axa-Versicherung auf der Reussinsel entstanden zwei Grossprojekte, die als Vorboten einer Gentrifzierung gedeutet werden könnten.

Dass das Quartier vor einem Miet-Upgrade steht, befürchtet nun Cyrill Studer, Geschäftsleiter des kantonalen Mieterverbandes. Die vielen kleinen Läden mit ihrem ausländischen Flair kombiniert mit den neuen Stätten des Luzerner Nachtlebens könnten nach Studer zur Verdrängung der sozial schwachen Mieter führen. Gegenüber der Luzerner Zeitung sagte er: «Dass Viertel mit tiefen Mietzinsen und hohem Ausländeranteil an unattraktiver Wohnlage hip werden, beobachten wir auch in anderen Städten wie Zürich oder Basel. Erst recht, wenn sie mit aufwendigen Haussanierungen einhergehen, dank denen der Lärm draussen bleibt.»

Indes: Im von der Eisenbahn durchschnittenen Untergrund wird gehobenes Wohnen nur auf der reusszugewandten Seite partiell möglich sein. Also eine Gentrifizierung im grossen Stil steht wohl nicht an. Thomas Glatthard, Geschäftsführer des Vereins BaBeL, sagt dazu: «Dank Verkehr und Gütschhang, der im Winter vor der Sonne steht, wird unser Quartier für das obere Mietersegment nicht interessant.» Was ihm aber Sorge macht: «Oft werden bei Sanierungen die Mieten verdoppelt.» Das Thema Liegenschaften steht denn auch ganz oben auf dem BaBeL-Aktionsplan.

Delf Bucher


Zwei Monumente erzählen Luzerner Bahngeschichten (2. September 2016)

«Nationalbildhauer» Richard Kissling und das Gotthard-Debakel

Die Monumente des «Nationalbildhauers» Richard Kissling erzählen Geschichte. Was die Statuen in Luzern und Zürich mit der Gotthardbahn-Geschichte zu tun haben, und weshalb die Stadt Luzern noch immer in die Röhre schaut.

Von Bronzestatue Zeitgeist zur Bronzestatue Alfred Escher – hin und zurück heisst es für mich als Luzern–Zürich-Pendler vier Mal in der Woche. Von Richard Kissling zu Richard Kissling, dem «Nationalbildhauer» des Telldenkmals in Altdorf, der sich auch mit dem «Zeitgeist» am Luzerner Bahnhof und dem bronzenen Alfred-Escher-Standbild verewigt hat.

Mit staatsmännischem Blick schaut Escher die Zürcher Bahnhofstrasse Richtung Paradeplatz, dorthin, wo die von ihm gegründete Kreditanstalt (heute UBS) ihren Stammsitz hatte. Die von ihm initiierte Kreditanstalt war entscheidend für die Finanzierung der Gotthardbahn.

Auf der anderen Seite thront der «Zeitgeist» auf dem Triumphbogen des Luzerner Bahnhofs. Die auf einem geflügelten Wagen sitzende Figur streckt ihre Hand Richtung Deutschland aus, das ebenso massgeblich die Gotthardbahn mitfinanziert hat. Untergründig verbinden sich die beiden Figuren – Zeitgeist und Escher – miteinander. Denn der Zeitgeist wurde als Gotthard-Denkmal konzipiert, und Escher ist der entscheidende Weichensteller, der das weltweit grösste Tunnelprojekt des 19. Jahrhunderts erst möglich machte.

Bahnhof Maihof

Escher und der Kanton Luzern entwickelten eine Hassliebe zueinander. Bereits 1846 als junger Kantonsrat wetterte der Politaufsteiger, der es später neben seiner Wirtschaftskarriere auch zum Nationalratspräsidenten und Zürcher Regierungsrat bringen sollte, gegen den von Luzern lancierten katholischen Sonderbund.

Aber das geschulte Kapitalistenauge Eschers half auch den Luzernern. Escher realisierte endlich den Bahnanschluss an Zürich, dies, nachdem die Ostwestbahn, die das Projekt bereits aufgegleist hatte, pleite gegangen war. Ein bauliches Überbleibsel vom Scheitern der Ostwestbahn, die im Maihof einen Bahnhof geplant hatte, ist heute noch sichtbar: das Restaurant Maihöfli, das einst als Wartesaal der Ersten Klasse gebaut wurde.

Der Bankrott der Ostwestbahn war für Luzern ein Glücksfall. Denn Escher entschied sich für eine andere Linienführung, um sich in der Fluhmatt mit den Gleisen der Zentralbahn und der Jura-Luzern-Bahn zu vereinigen. Erst dadurch war es möglich, Luzern zu einem attraktiven Knoten im Schweizer Eisenbahnnetz zu machen.

Weitsicht und Durchsetzungsvermögen

Eschers Weitsicht machte es dann möglich, 1892 den majestätischen Kuppelbahnhof zu bauen, auf dessen Eingangshallen-Bogen heute die Zeitgeist-Statue thront. Eines aber wollte der Eisenbahnbaron auf jeden Fall verhindern: Die Gotthard-Direktion sollte in Zürich und nicht in Luzern ihren Sitz haben. Aber Stadt wie Kanton haben dank der beträchtlichen Mittel für das Megaprojekt des 19. Jahrhunderts sich schliesslich durchgesetzt.

Luzerner Zahlungsboykott

Aber wenn sich auch die Luzerner spendabel zeigten, mehr als die Gotthard-Direktion (ehemaliges Gebäude am Schweizerhofquai) lag nicht drin. Auf den Anschluss an die internationale Transitachse – anfangs eigentlich fest im Streckennetz eingeplant – mussten sie warten. Finanzkrach und allgemeine wirtschaftliche Depression in den 1870er Jahren führten zur Streichung des Projekts.

Da nutzte auch der Protest und das Sistieren der versprochenen Summen in den Gotthard-Topf nichts. Das Bundesgericht stellte fest, dass die Luzerner Finanzboykotteure ihre Vertragspflicht nicht erfüllten, und verurteilte sie zum Nachzahlen mitsamt Zinseszins. Immerhin gab es 1891 den Anschluss über Meggen, Immensee nach Arth-Goldau.

Gehässige Reaktionen

Auf der anderen Seite war auch der Initiator und Financier Alfred Escher tief gefallen. Die finanzielle Schieflage des Gotthard-Projektes führte zu gehässigen Reaktionen seines früheren Freundes Emil Welti. Der Bundesrat diskreditierte seinen bisherigen Förderer und strich ihn von der Einladungsliste für die Feier des Gotthard-Durchstichs 1880 in Luzern. Escher starb verbittert im Jahr der Gotthard-Eröffnung 1882. Seinen Tunnel hat er nie durchfahren.

«König der Schweiz»

Schon ein Jahr später war es aber den Zürchern klar: Der epochalen Gestalt Escher, dem «König der Schweiz», gebührte ein Denkmal. Auf Anregung von Gottfried Keller wurde Richard Kissling 1883 mit dem Projekt beauftragt, 1889 wurde es eingeweiht.

Der geflügelte Zeitgeist landete indes erst 1907 in Luzern. Das als Gotthard-Monument konzipierte Figurenensemble – zur Seite die italienischen Steinhauer, muskulös den Hammer schwingend – sollte ursprünglich im See vorgelagert dem Direktionsgebäude der Gotthardbahn zu stehen kommen und seinen Sehnsuchtsblick nach Italien richten.

Schliesslich krönte es den Eingangsbogen des Kuppelbahnhofs. Nach dem Brand 1971 wurde die Kissling-Skulptur auf den zum See hin verschobenen Triumphbogen gestellt.

Kann Luzern eine Lehre daraus ziehen?

Was mich natürlich als GA-Pendler interessiert: Gibt es Lehren für heute aus dem – aus Luzerner Sicht – Gotthard-Debakel im 19. Jahrhundert? Schon damals träumte Luzern von grossen Bahnprojekten, versuchte mit einem Brückenschlag von anderen Ufern den direkten Anschluss an den Gotthard. Eisenbahnpläne zuhauf finden sich im Staatsarchiv. Mehrere Varianten zum Tiefbahnhof übrigens auch. Aber es blieben immer Seifenblasen.

Luzern schaut in die Röhre

Und jetzt? Steht nicht wieder die Planung für ein Tiefbahnhof-Projekt an, bei dem der Bund eine Alternativroute zu prüfen bittet? Luzern sieht dies als eine Formsache und glaubt, wie schon seit hundert Jahren an den Traum vom Tiefbahnhof.

Dabei zeigt auch der anstehende Fahrplanwechsel im Dezember, was die SBB von dem Bahnknoten Luzern halten. Nicht viel. Beim grossen NEAT-Projekt schaut Luzern, wie schon mehr als 130 Jahre zuvor, in die Röhre. Kein direkter Anschluss ins Tessin, keine Direktverbindung nach Milano. Luzern ist wieder einmal international abgehängt!

Delf Bucher


Schillernder Tell (8. Mai 2016)

Die Tell-Saga als Exportprodukt

Eine andere Sicht auf unseren Nationalhelden: die Tell-Saga als persisches Exportprodukt und Wilhelm in einem Vergleich mit Attentätern.

Ich bin «Papierli-Schweizer». Seit fünf Jahren habe ich den Schweizer Pass und bereits zuvor fühlte ich mich auf der Rütli-Wiese besonders wohl.

Erst jüngst sass ich da unter der knatternden Schweizer Fahne. Unter mir schimmert das milchige Türkis des Urnersees durch die Tannen. Der Föhn hat die Wolken hinter die Berggipfel geschoben. Die Schweiz braucht nur eine Wiese als Nationaldenkmal! – geht’s mir durch den Kopf. Fürs Monumentale

Die Umgestaltung zum Helden

So denke ich, eignet sich für mich als Neohelvetier und als echten Schweizermacher mein schwäbischer Landsmann Friedrich Schiller. Von ihm redet auch die Schülergruppe, der ich nahe der Rütli-Fahne zuhöre. Sie unterhält sich über die literarische Vorlage zur Tell-Geschichte aus dem dänischen Sagenschatz. Der Ur-Tell namens Toko sei ein Trunkenbold gewesen, erklärt eine Schülerin ihren Mitschülern. Treffsicher hat Schiller den Säufer zum Helden umgestaltet.

Für mich als Schwaben mit Schweizer Pass steckt in der Entstehungsgeschichte des Tell-Dramas ein besonderer Clou: Das Nationalepos der Schweizer hat ein Schwabe im wahrsten Sinne des Wortes erfunden. Denn Schiller setzte nie einen Fuss auf Schweizer Territorium. Seine Sehnsuchtsschweiz prägte für ihn das Bild eines besseren Deutschlands, das er anstrebte: Freie statt Geknechtete, Republik statt Monarchie und keine Duckmäuser, die Tyrannen duldeten.

Tell-Import

Nun sass ich letzte Woche bei der Buchvernissage im ZHB-Lesesaal im Vögeligärtli. Michael Blatter und Valentin Groebner stellten ihr neues Buch «Tell – Import – Export» vor. Und bald merkte ich: Mein Privatmythos hat etwas Nachhilfeunterricht verdient. In Sachen Tell muss ich umlernen.

Denn Tell kommt nicht aus Dänemark, sondern der Ur-Tell war ein Perser, wie die beiden Historiker erläuterten. Während der Luzerner Uni-Professor mit österreichischen Wurzeln, Valentin Groebner, sich mehr für die Import-Export-Geschichten interessiert, hat sich der Innerschweizer Michael Blatter, Stadtarchivar von Sursee, mehr der Rezeption des Tells auf heimischem Boden zugewandt.

Zuerst zur Tell-Saga als Exportprodukt. Der Apfelmythos ist ein globalisiertes Früchtchen. Sein Verkaufsstand befand sich in einem persischen Bazar und angepriesen wurde die Fabel vom Apfelschuss erstmals von einem Sufi-Dichter im 12. Jahrhundert. Damit ist schon das Leitmotiv des Buches bereitgestellt: Mit fliegendem Teppich aus dem Morgenland düst die Tell-Figur durch die kurzweilige Rezeptionsgeschichte. Der Blick der beiden Historiker auf den Teppich zeigt die verschiedenen Texturen, die der Zeitgeist in den Tell-Stoff einwebte.

Die problematische Revolutionsikone

Dass Tell nicht nur für den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft taugte, sondern durchaus subversiv und umstürzlerisch ausgelegt werden konnte, erläuterte an diesem Abend Michael Blatter. Er zeigt, wie eng die Entlebucher Anführer des Bauernkrieges von 1653 sich auf den Tell-Mythos bezogen und mit ihm selbst in ihre Idealrolle schlüpften. Da sie in ihre revolutionäre Rhetorik und propagandistische Inszenierung ganz viel Tell einwebten, führte das dazu, dass die populären Tellen-Lieder im Luzernischen verboten waren. Aber auch die Franzosen erinnerten sich am Vorabend der französischen Revolution an «Guillaume Tell».

Tell ist immer auch eine problematische Revolutionsikone. Seine dunkle Seite erläuterte Groebner. Er erinnerte daran, dass sich selbst der unselige Attentäter Lincoln in die Rolle des helvetischen Armbrustschützen und Tyrannenmörder hineinfabelte. Und was derzeit für die aktuelle Debatte um das klandestine Geheimabkommen zwischen palästinensischen Al-Fatah-Kämpfern und der Schweizer Regierung Anfang der 1970er-Jahre von Bedeutung ist: Auch die Flugzeugentführer sahen sich als Nachfahren von Tell. Groebner dazu: «Tell liefert auch immer die Lizenz zum Töten.» 

Der Mann mit der Armbrust kann ein Freiheitskämpfer oder Attentäter sein, er kann den Nationalhelden geben wie auch der Bannenträger der Rechtspopulisten sein. Eines ist den vielen Tell-Erzählern gemein: Sie adaptieren eine saftige Geschichte, die mit ihren vielen Leerstellen einlädt, immer wieder neue Ornamente in den Teppich zu knüpfen.

Delf Bucher


Die wollene Utopie auf der St. Karli-Brücke (25. Februar 2016)

Ein multikultureller Hotspot

Im Oktober 2015 war es so weit: Die St. Karli-Brücke, die den schattigen Untergrund mit dem sonnigen Bramberg verbindet, war in ein buntes Wollkleid gehüllt. Die Aktion der katholischen Kirchgemeinde St. Karl passt gut zum Multikulti-Quartier. Denn die grauen Geländerstäbe waren nun mit den Farben der Fahnen von 30 Nationen eingehüllt.

So richtig korrekt wären natürlich 76 Nationalflaggen gewesen. So viele Nationen zählt man zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse im Untergrund. Ein multikultureller Hotspot, nicht nur der Zentralschweiz, sondern der Deutschschweiz. Das Quartier hat mit 54 Prozent den höchsten Ausländeranteil Luzerns und weist die höchste Dichte an Migranten in der Deutschschweiz auf. Selbst die Zürcher Langstrasse kann das mit einem Ausländeranteil von knapp 41 Prozent nicht toppen.

Das passte nicht allen

Nun leben die Nationen in trauter Völkereintracht verstrickt und verbunden auf der Brücke über der Reuss zusammen. Aber der idyllische Brückenschlag klappte nicht ganz. Die zueinander zugewandten Fahnen Palästinas und Israels waren wohl einem Passanten ein Dorn im Auge. Das blau-weisse Wollgewand mit Davidstern wurde von ihm zerrissen. Hallt da der lange in der Innerschweiz verbreitete Antijudaismus nach? Noch Mitte der Neunzigerjahre, als ich nach Luzern zügelte, druckte die Luzerner Zeitung einen Leserbrief ab, in dem die Juden für den Kreuzestod von Jesus Christus verantwortlich gemacht wurden. 2016, also 20 Jahre später, sind antisemitische Reaktionen eher selten. Man erinnert sich noch daran. Beispielsweise ein Lehrer aus Willisau, der mit dem Untergrundgang eine Tour machte. Als wir an der mittlerweile geschlossenen koscheren Metzgerei in der Bruchstrasse einen Stopp einlegten, erzählte er eine traurige Anekdote aus seiner Kindheit. Damals habe ihn seine Mutter geraten, beim Luzernbesuch einen Bogen um das jüdische Kaufhaus Manor (damals noch Nordmann) zu machen.

Manchmal köchelt indes auch aktuell das antijüdische Ressentiment hoch. Als wir Untergrundgänger 2001 vor der Koschermetzgerei Halt machten, war das just zu dem Zeitpunkt, in dem das  geplante Tierschutzgesetz diskutiert wurde. Nach dem Willen des Bundesrates hätte das Schächten nach religiösen Vorschriften erlaubt werden sollen. An diesem Vorstoss machte mancher Teilnehmer ein grosses Fragezeichen. Bei der Debatte ums Schächtverbot ist es immer schwierig zu entscheiden, ob hier über Tierschutz oder über Vorurteile gegenüber Juden diskutiert wird.

Antisemitismus unter Jungen wächst

Vor zwei Wochen traf ich den Judaistik-Professor Alfred Bodenheimer, der auch mit seinem Detektiv Rabbi Klein derzeit als Krimi-Autor Furore macht und heute das Zentrum für jüdische Studien in Basel leitet. Er sagte zu dieser Gratwanderung: «Typisch für die Schweiz ist es, dass sich die Debatten immer wieder an Sachfragen wie Schächten oder Beschneidung entzünden.» Eines sei aber der beste Lackmus-Test für die gelungene Ankunft der jüdischen Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft: «Als Ruth Dreifuss zur Bundesrätin gewählt wurde, war ihre jüdische Herkunft kein Thema.»

Was Bodenheimer, der früher auch in Luzern lehrte, dagegen etwas verstört: der wachsende Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Viele Studien weisen dies aus. Immerhin ist die Schweiz mit einem überwiegend hohen Anteil europäischer Muslime weniger betroffen.

Einen Tag später will es der Zufall, dass ich die palästinensische Schülerin Lamar Elias treffe. Die begabte Geigerin konzertierte mit dem palästinensischen Jugendorchester in der Schweiz. Die 16-Jährige ist Christin und besucht die deutschsprachige, lutherische Schule in Beit-Jala, das längst mit Bethlehem zusammengewachsen ist. Wenn Lamar Elias aus dem Schulfenster schaut, streckt sich über den ganzen Horizont ein endloses Band aus Beton. «Seit ich geboren bin, kenne ich nichts anderes, als eingemauert zu sein», sagt sie. Was ihre Situation aber von vielen anderen Palästinensern unterscheidet: Sie bereitet sich in der Missionsschule auf das deutsche Abitur vor und da steht der Holocaust auf dem Lehrplan. Mir selber ist es bei einem Besuch in Palästina aufgefallen: Selbst weltoffene Palästinenser machten ein Fragezeichen an der jüdischen Opferzahl von sechs Millionen beim Holocaust. Für Lamar Elias ist hingegen klar: «Der Holocaust darf nicht geleugnet werden.»

Historische Aufklärung ist wichtig

Bei Lamar Elias hat die historische Aufklärung ihr Ziel erreicht. Was mich als Historiker aber interessiert: Kann das Wissen der Geschichtsforschung massenwirksam werden? Weder die neuen Historiker Israels haben den kollektiven Mythos ankratzen können, dass im ersten Krieg 1948 zwischen Araber und Israel der kleine David gegen Goliath antrat. Noch so viele Dokumente, die das planerisch-expansive Vorgehen der verschiedenen bewaffneten Untergrundgruppen gegen palästinensische Siedlungen beweisen, erschütterten diesen Glauben. Auf der anderen Seite wollen viele Palästinenser trotz einer nicht bestreitbaren Evidenz den Holocaust leugnen und damit den Umstand, dass die Juden aus grösster Not in das Land, das sie seit 2000 Jahren in ihrer Diaspora als das von Gott verheissene Land angesehen haben, flüchteten?

Jetzt aber zurück zur St.-Karli-Brücke. Wir können es uns als europäische Zaungäste des Nahost-Konflikts erlauben, die beiden Flaggen, die sonst nirgendwo in der Welt gemeinsam vor UNO-Gebäuden oder sonstigen internationalen Institutionen gehisst werden können, nebeneinander zu stellen. Wir können jüdisches Leid und palästinensisches Leid anerkennen. Statt aber Einfühlungsvermögen für beide Seiten zu empfinden, ist die Nahost-Debatte auch bei uns meist polarisiert – das Zerstören der Israel-Fahne beweist es. Statt dass wir uns selbst historisch aufklären und die vertrackte Geschichte der beiden Völker anerkennen, nehmen wir für die eine oder andere Seite Partei. Die Strickfrauen der St.-Karli-Gemeinde machen da nicht mit. Sie haben wieder die israelische Flagge restauriert und bekunden mit ihrer wollenen Utopie: Wir werden alles tun für den schwierigen Brückenschlag zweier verfeindeter Völker.

Delf Bucher


Vergessene Sternstunden der Solidarität (24. November 2015)

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ein Rückblick auf die früheren Luzerner Asyl- und Flüchtlingssituationen.

Flüchtlingspolitisch zeigt der Kanton Luzern seine repressiven Krallen. Besonders scharfe Töne schlägt der für die Flüchtlinge verantwortliche Guido Graf an, welcher der Partei mit dem hohen «C» angehört. Vergessen sind die Bibelsprüche der Sonntagsschule, in denen Jesus ein Manifest der Solidarität verkündete: «Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war gefangen, ihr habt mich besucht, ich war durstig, ihr habt mir zu trinken gegeben.» Nein, die in ihrem Wehrdienst versklavten Eritreer sind des Flüchtlingsstatus nicht würdig. Und dieser an Bundesrätin Sommaruga gerichtete Appell, das gibt Graf unumwunden zu, geschieht aus Rücksicht auf die Öffentlichkeit.

Das war nicht immer so in Luzern

Die Luzerner Bevölkerung war da in früheren Zeiten weiter. Ja, die Luzernerinnen und Luzerner haben wahre Sternstunden der Solidarität erlebt. Blenden wir zurück in die kalten Februartage 1871. Damals herrschte wirklich das, was dem Wortsinn nach «Asylchaos» bedeutet. In der Stadt Luzern war bereits die Kaserne mit 1'500 französischen Soldaten der Bourbaki-Armee gefüllt. Und im Regierungsrat herrschte am 7. Februar grosse Nervosität. Denn besonders die Innerschweizer pflegten den Kantönligeist, schickten die ihnen zugewiesenen Soldaten zurück. Ihr Argument: Aus Yverdon sei ihnen keine klare Order gegeben worden. Der Luzerner Regierungsrat telegraphierte deshalb an das Oberkommando in Yverdon – ein Bundesamt für Migration gab es nicht: «Wir ersuchen um behördlichen Bericht, wohin die zuviel hierher gesandten französischen Soldaten befördert werden sollen.»

Spitäler sind gefüllt, auch in der Reithalle, die kantonale «Rosskaserne», drängen sich die Flüchtlinge. In der Not öffnet sich die Jesuitenkirche. Zwei riesige Scheiterhaufen in der Kirche sollen die garstige Kälte etwas mindern. Aber wie werden die französischen Flüchtlinge versorgt? In dieser improvisierenden Situation übernimmt die Luzerner Bevölkerung die Regie. Denn die Ankunft der hungernden Flüchtlinge macht in der Stadt schnell seine Runde und die Luzerner eilten schon bald mit Lebensmitteln der Jesuitenkirche zu. Später schreibt die «Luzerner Zeitung»: «So hat denn auch Luzern dieser Tage hindurch ein herrliches Schauspiel geboten. Abgesehen von der Wohltätigkeit gegen schon früher hier Internierte, war besonders am letzten Freitag erbauend zu sehen, wie ganze Gruppen von Stadtbewohnern mit Gaben der Jesuitenkirche zuzogen, wo vom 9. auf 10. Februar 1'100 Soldaten übernachteten. Besonders zeigte sich unter der Damenwelt ein herrlicher Wetteifer in den verschiedensten Übungen der Nächstenliebe.»

Dank Luzern der Naziarmee entronnen

Ein weiteres Beispiel aus der dunklen Zeit des heraufziehenden Weltkrieges. Hier benutzten Bürgergemeinde und politische Gemeinde der Stadt Luzern die Einbürgerung als Hebel, um junge Ausländer vor der Einberufung in den Krieg zu bewahren. Entgegen der Weisung des obersten eidgenössischen Fremdenpolizisten Heinrich Rothmund, mit Härte allen einbürgerungswilligen Ausländern im wehrpflichtigen Alter ihre Gesuche abzulehnen, sagte der damalige Luzerner Stadtpräsident Max S. Wey: «Trachten wir danach, die jungen Ausländer durch Erteilung des Bürgerrechts an uns und unsere Einrichtungen zu fesseln statt sie durch Abweisung in die Arme ausländischer Vereine zu treiben.» Mit den ausländischen Vereinen waren die nazinahen Organisationen oder Pro-Mussolini-ausgerichteten Clubs der deutschen und italienischen Kolonie in Luzern gemeint. Tatsächlich wurde ein besonderes Augenmerk auf die Nähe der Antragsstellern zu den faschistischen Regimen gerichtet. Verklausuliert wurden die politisch motivierten Ablehnungen protokolliert. Da heisst zum Beispiel: «Immer noch Preusse!» Glück dagegen hatte der in Luzern aufgewachsene Roland Schwarzbach, dem trotz schon überstellten Stellungsbefehl der Nazi-Wehrmacht, das Bürgerrecht 1940 erteilt wurde – gegen die Order des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements.

Rosengart-Museum als Geschenk

Würde aber heute Rothmund im Bundesamt für Migration sitzen, würde er in Luzern auf offene Ohren stossen. Wenn es auch problematisch ist, die totalitäre Diktatur Eritreas mit der NS-Terrorherrschaft in Deutschland zu vergleichen, sticht die argumentative Nähe der Grafschen Argumentation mit der von Heinrich Rothmund ins Auge. Erinnern wir uns: In den düsteren Zeiten verweigerte Rothmund den jüdischen Flüchtlingen die Anerkennung als politische Flüchtlinge, weil dies den heimischen Antisemitismus noch mehr befördern könnte. Ähnlich begründet heute Regierungsrat Graf seinen geforderten Eritreer-Stopp mit der Reaktion der Öffentlichkeit.

Das Gute zum Schluss: Luzern selbst ist dank seiner liberalen Einbürgerungspraxis ein grosses Geschenk zuteil geworden – das Rosengart-Museum. Der jüdische Kunsthändler Siegfried Rosengart-Müller wurde 1934 eingebürgert, zu einer Zeit, in der dies in manch anderen Gemeinden längst keine Selbstverständlichkeit mehr war.

Delf Bucher


Grosse Feier zum Jubiläum (25. September 2015)

Am 25. September 2015 feierten wir unseren 20. Geburtstag. Der Abend begann mit einem Gehexperiment. Spazierkünstlerin Marie-Anne Lerjen von der Agentur für Gehkultur erforschte mit uns und einigen unserer WeggefährtInnen den Untergrund. Dabei entdeckten selbst wir einige Dinge, die unseren Sinnen bisher verborgen blieben. Das eigentliche Fest stieg darauf im Sentisaal. Zu portugiesischen und mexikanischen Leckereien spielten das MiRabellen-Duo und The Knocked Out Rhythms.


Genossenschaften und Bocciabahn unerwünscht! (15. August 2015)

Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Wenn die beiden Begriffe Bernstrasse und abl fallen, denken viele an die jüngsten Querelen zwischen abl und dem Immobilienhai Jost Schumacher. Denn dem Juristen von stadtpatrizischem Geblüt wollte es als einem der grössten Immobilienbesitzer nicht schmecken, dass das Volk mit der Initiative «Für zahlbaren Wohnraum» die gemeinnützigen Wohngenossenschaften in eine Poleposition brachte, städtischen Grund im Baurecht günstig zu erwerben. Pikant für den Rechtsanwalt: Seine Klage wurde wegen nicht fristgerechten Einreichens gegenstandslos.

Genossenschaftliches Wohnungswesen hat sozialen Mehrwert

Für mich ist klar: Genossenschaftlich organisiertes Wohnungswesen hat einen sozialen Mehrwert. Das hat auch der Alt-Stadtrat und heutige abl-Präsident Ruedi Meier deutlich gegenüber der NLZ herausgestrichen: «Hier wird versucht, die auf privaten Mehrwert ausgerichteten privaten Interessen gegen die Gemeinnützigkeit der Wohnbaugenossenschaften auszuspielen. Man muss einfach sehen: Mit dem Baurecht gehört das Land weiterhin der Stadt. Und diese profitiert alljährlich von einem Baurechtszins. Das ist sehr nachhaltig.»

Was vielen unbekannt sein dürfte: Die abl hat an der Bernstrasse eine lange Geschichte, die bereits vor 90 Jahren Hausbesitzer auf die Barrikaden trieb. Denn schon 1927 baute die Genossenschaft dort Häuser.

Die Geschichte der abl

Zur Vorgeschichte: Als die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg grassierte, mobilisierte die Sozialdemokratie mit einer städtischen Volksinitiative. Ein kommunales Wohnungsprogramm sollte erschwingliches Wohnen möglich machen. Die liberal dominierte Stadtregierung wetterte gegen die «sozialistische» Initiative. Aus Angst, dass die Forderung aber bei Mietern und der Arbeiterschaft auf gute Resonanz stossen könnte, erarbeitete der Grosse Stadtrat einen Gegenvorschlag: Kein städtischer Wohnungsbau, dafür aber mehr städtisches Engagement für den genossenschaftlichen Wohnungsbau. Dank öffentlicher Gelder startete so die als Selbsthilfeorganisation gegründete abl 1924 durch. Hinter den Initianten standen die gewerkschaftlich gut organisierten Eisenbahner und der Luzerner Mieterverband. Bereits im September 1925 konnten am Neuweg die ersten Wohnungen bezogen werden. Weitere Wohnhäuser folgten in den Gevierten Bundes-, Bleicher- und Himmelrichstrasse.

Das ästhetische Gefühl der Bernstrasse

1927 streckte die abl dann ihre Fühler in das traditionelle Arbeiterinnen- und Arbeiterquartier Luzerns, den Untergrund, aus. An der Sagenmattstrasse sollten vier fünfgeschossige Wohnblocks entstehen, mit zusammen 76 Wohnungen und integrierten Verkaufslokalen im Erdgeschoss. Das Baugesuch der abl sorgte für Wirbel im Quartier. Der Quartierverein Bernstrasse reklamierte bei der Stadt, dass die Häuser zu hoch seien. Und die Fassaden sollten gegen die Bernstrasse so gestaltet werden, «dass sie das ästhetische Gefühl nicht verletzen». Vor allem störte man sich an den Küchenbalkonen, die auf die Bernstrasse hinausgingen. Der Grund: Solche Küchenbalkone würden «bekanntlich für Wäschehängen benützt».

Die im Quartierverein zusammengeschlossenen Gewerbetreibenden und Hausbesitzer opponierten aus ganz handfesten Eigeninteressen gegen das Projekt. Denn sie witterten beispielsweise in der im Erdgeschoss des einen Hauses vorgesehenen Metzgerei eine Konkurrenz. So heisst in einer Eingabe an die Stadt: «Die steuerzahlenden Gewerbetreibenden verstehen es nicht, wenn in einem mit öffentlichen Mitteln erstellten Haus ein Gewerbe- oder Verkaufslokal eingerichtet würde.»

Keine Lärm verursachenden Spiele auf den freien Plätzen

Auch die Aussicht, dass bald italienische Familien in die Siedlung einziehen könnten, scheint für Ängste im Quartier gesorgt zu haben. Deshalb solle die Stadt den «Betrieb sogenannter Italiener Cucine oder ähnlicher Kleinwirtschaftsbetriebe» verbieten und ein Auge darauf halten, dass «auf den freien Plätzen keine Boccia- oder ähnliche, Lärm verursachende Spiele betrieben werden dürfen».

Der Stadtrat schloss sich diesen Forderungen an. Im Erdgeschoss durften kein Metzgereilokal und keine Cucina einziehen. Die abl musste ausserdem in den Mietverträgen das Aufhängen von Wäsche auf den Küchenbalkonen Richtung Bernstrasse verbieten und in der Umgebung der Bauten Ordnung und Reinlichkeit überwachen. Auch wurde das Projekt stark redimensioniert.

Viel mehr Harmonie

Heute ist das Klima zwischen abl und Stadt Luzern harmonischer. Wenigstens bekundete der Stadtpräsident Stefan Roth bei der letzten abl-Generalversammlung die juristische Zwängerei von Schumacher als «mühsam» und lobte die Genossenschafter: «Die Stadt braucht die abl, denn sie hat die notwendige Dynamik.»

PS: Der heutige abl-Präsident Ruedi Meier hat als Mitinitiant der Broschüre «Heraus aus Dreck, Lärm und Gestank ... Bilder aus dem Luzerner Untergrund» den Impuls gegeben, den UntergRundgang zu gründen. Im September sind es dann 20 Jahre, dass wir Quartiergeschichten recherchieren und auf die Strasse bringen. Die Infos zu diesem Blog sind dem Beitrag von Mischa Gallati aus der Broschüre «Blattgold und Blechnapf» (2005) entnommen.

Delf Bucher


Gästival: Kein Urknall für die Tourismusgeschichte (14. Mai 2015)

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Ob man dieser aber gerecht wird, sei dahingestellt.

Wer sich die Projektpapiere des «Gästival» noch einmal vor Augen führt, sieht sogleich: Die ursprüngliche Zielvorgabe des Festivals war die Tourismusgeschichte. Noch ist es zu früh, um sich ein abschliessendes Urteil zu erlauben. Aber eine Prognose will ich jetzt schon wagen: Ein Urknall für die sonst so stiefmütterlich behandelte Tourismusgeschichte wird mit dem Event später kaum verbunden werden. Immerhin gibt es von Martino Fröhlicher, der schon lange im Dienste von «Viastoria» die historischen Wege der Schweiz erforscht, einen Kulturführer «Waldstätterweg». Finanziell unterstützt wurde das Projekt von der Albert-Koechlin-Stiftung (AKS). Und auf der ebenfalls mit Geldern der AKS eingerichteten Homepage, www.waldstaetterweg.ch, werden unter der Rubrik «Lernen unterwegs» nicht nur berühmte Gäste sowie Hotel- und Bergbahnpioniere vorgestellt, sondern auch das sozialgeschichtliche Thema der Werktätigen der Tourismusindustrie aufgearbeitet. Ausserdem steht mit der theatralisch-inszenierten Show auf der Seerose, eingerichtet von Ueli Blum, sicher ein erster, kurzweiliger Einblick in die Gästekultur der Zentralschweiz auf der Bühne. Aber gerade in der wenig industrialisierten Zentralschweiz, mit ihrer wirtschaftlich enormen Wertschöpfung im Fremdenverkehr, hätte man sich eine grosse Ausstellung und vor allem eine umfassende Monographie gewünscht.

Das Beispiel Schindler demonstriert Luzern als Fremdenstadt

Wir vom UntergRundgang – im Quartier zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz unterwegs – berühren immer wieder die Tourismusgeschichte. Selbst die ehemaligen Schindlerwerke, die sich zuerst auf der Reussinsel und später in der Sentimatt, zum grössten Arbeitgeber der Stadt Luzern entwickelten, sind ein Produkt des Fremdenverkehrsbooms. Denn, erst der Hotelboom gab den Anstoss Aufzüge herzustellen. Und dass sich die Stadt Luzern als Fremdenstadt verstand, spiegelt auch der Entscheid des Stadtrates im Jahr 1950 wieder: Damals wurde Schindler verwehrt, seine neue Fabrik auf der Allmend zu bauen.

Die helfenden Hände schliefend im Untergrund Quartier

Was uns Lokalhistoriker schon immer beschäftigte, hat Bertolt Brecht so formuliert: «Wer baute das siebentorige Theben?/ In den Büchern stehen die Namen von Königen./ Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?» Auf die Luzerner Tourismusgeschichte gemünzt heißt das: Wer hat die Hotelpaläste gebaut, wer bügelte die viele weisse Wäsche, servierte und kochte, wer schleppte die Koffer ins Hotel oder auf einer Sänfte die Königin Victoria in die Pension «Wales», gleich neben dem heutigen «Chateau Gütsch». Viele von diesen Bediensteten haben im Quartier Untergrund zwischen Kasernenplatz und Bernstrasse gewohnt. Die von der Stadt erstellte Wohnungsenquete, gefertigt um 1900, gibt Auskunft, dass gerade in der Sommerzeit das Schlafgängerwesen in der Basler Strasse weit verbreitet war. D.h. italienische Saisoniers wechselten sich ab, um eine Schlafstatt zu dritt zu belegen oder, anstelle des regulären Wohnungsinhabers, tagsüber das Nest gegen ein Entgelt zu nutzen. Denn gerade wenn die Sommersaison rund lief, brauchte es viele helfenden Hände von Billigarbeitern in der Tourismusindustrie. Betten dagegen fehlten.

Die saisonale Schwankung illustrieren zwei Zahlen sehr gut: So zählte die eidgenössische Volkszählung im Winter 1910 1’732 Beschäftigte in Gasthöfen, alkoholfreien Restaurants und Cafés. Die im Sommer 1905 durchgeführte eidgenössische Betriebszählung wiederum ermittelte eine Zahl von 3’070 Beschäftigten im Gastwirtschaftswesen. (Quelle: Hans Ruedi Brunner, Luzern – Gesellschaft im Wandel aus dem Jahre 1981 – immer noch das Beste zu Luzerner Tourismusgeschichte!).

«Union Helvetia» etablierte sich in Luzern

Viele der Arbeitskräfte kamen aus dem Ausland. Dass sich gerade in der Fremdenverkehrsmetropole Luzern die Gewerkschaft «Union Helvetia» etablierte, ist kein Zufall. Mit dem Bau der Gotthard-Strecke – ebenfalls mehrheitlich «Made in Italia» – gelangten immer mehr Italiener und Deutsche im Sommer nach Luzern und schauten sich nach Arbeit um. Deshalb wurde die «Union Helvetia» im Jahr 1889 als Abwehrorganisation gegen die Überfremdung im Hotelgewerbe gegründet. Die ausländischen Saisoniers verdingten sich oft zu ausbeuterischen Löhnen und konkurrenzierten damit die heimischen Berufsleute.

In der Zeitung der «Union Helvetia» wird immer der Almosencharakter der Trinkgelder beklagt, der Trinkgeld-Bettel angeprangert. Tatsächlich argumentierten viele Hoteliers und Restaurantbesitzer mit dem zu erwartenden Trinkgeld, um ihre Löhne tief zu halten. Und so wie es heute das Praktikantenwesen gibt, gab es damals das Volontärswesen. Die Volontäre in den Hotels erhielten keinen Lohn, dafür wurde argumentiert, dass sie durch das Erlernte entschädigt wurden. Die Kochlehrlinge mussten oft noch Lehrgeld zahlen oder die Kellner ihre eigenen Livrées stellen.

Ein Kampf gegen die technischen Fortschritte

Ein gnadenloser Konkurrenzkampf tobte auch zwischen den Drosckenkutschern und Dienstmännern (Gepäckträger). Vor allem, als dann noch das Automobil mit dem Taxi dazu kam, war das für die Rössli-Kutschen ein Einschnitt – wie heute für das Taxigewerbe international das Aufkommen des Internetdienstes «Uber». Eine ähnlich technologische Zäsur hat sich übrigens auf der Rigi ereignet – historischer Ausgangspunkt des Gästival. Als 1871 die Rigibahn eröffnet wurde, haben über Nacht mehr als hundert Rigiträger, die bisher die Koffer und Rucksäcke der gut betuchten Touristen auf die Königin der Berge schleppten, ihren Job verloren.

Delf Bucher


Einstürzende Altbauten (13. März 2015)

Da wo soziale Unterschichten sich in engen Wohnungen drängen, Gestank und Lärm die Lebensqualität mindert, da schaut auch der Heimatschutz von Luzern nicht mit Argusaugen auf schützenswerte Gebäude. Zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz herrscht seit Jahrzehnten die Radikalkur mit oft zweifelhaft architektonischen Ergebnissen vor.

Da wo soziale Unterschichten sich in engen Wohnungen drängen, Gestank und Lärm die Lebensqualität mindert, da schaut auch der Heimatschutz von Luzern nicht mit Argusaugen auf schützenswerte Gebäude. Zwischen Kasernenplatz und Kreuzstutz herrscht seit Jahrzehnten die Radikalkur mit oft zweifelhaft architektonischen Ergebnissen vor.

Wir beginnen mit einer Tour am Kasernenplatz. Hier erinnert nur noch der Name an die einst grosse Kaserne für 1’600 Soldaten. 1971 hantierten hier die Baggerführer und Sprengmeister. Auch das Hochstrasser-Haus, ein «dominanter Kopfbau zwischen Gothik und Jugendstil», so Beat Wyss, musste der neuen Auffahrt der Nationalstrasse weichen, wie auch das Waisenhaus, das nun als Replikat das Naturmuseum beherbergt. 

Von der Bruchstrasse zur Abbruchstrasse

Bald wird unser kleines Grüppchen von Historikern, Volkskundlerinnen und Quartierkennern auch in der Bruchstrasse 20 Archivbilder hochhalten. Denn 2017 wird hier die Abrissbirne regieren und das 1864 gebaute «Haus am Bruch» in ein «Haus des Abbruchs» verwandeln. Für ein denkmalschützendes Gütesiegel hat es nicht gereicht. «Von keinerlei historischer Bedeutung» heisst das Todesurteil des Stadtarchitekten.

Was eben zeigt: Für die Denkmalschützer steht ganz und gar das ästhetisch-architektonische im Vordergrund. Dass auch Häuser armer Leute Geschichte erzählen können, kommt bei der Beurteilung kaum zum Zug. Der «Schützengarten» hält aber viele Geschichten bereit. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war hier der Viehmarkt. Knechte und Kleinbauern versammelten sich im Schützengarten, die reichen Bauern und Viehhändler nicht weit davon im «Galliker». Noch Anfang der 1990er Jahre wurde diese Tradition auf der Speisekarte hochgehalten und war das Restaurant in der Bruchstrasse 20 das einzige Lokal, indem man «Alpeneier» (sprich: Munihoden) bestellen konnte.

Das alte Gebäude des Luzerner Tagblatt, sozusagen für mehr als ein Jahrhundert das Kraftwerk freisinniger Lokalpolitik, ist 2002 auch dem schnellen Zyklus der einstürzenden Altbauten geopfert worden. Von dort aus hatte ein Lokaljournalist auf die Bruchstrasse ein Bild geschossen. Traktoren und Viehtransporter stauten sich dort immer zu Wochenanfang. Viehmarkt-Zeit! Den Duft von Mist in der Nase provozierte in der Redaktion immer wieder Artikel zu den Fragen: Sind die mit Kuhfladen übersäten Strassen einer Fremdenstadt wie Luzern würdig? Sind die Zustände nicht hygienisch bedenklich? 1971 musste dann der Viehmarkt weichen.

Carl Spitteler an der Bruchstrasse 20

Eine ganz andere Geschichte wird mit dem Abriss ausgelöscht: die Jugendwirren Carl Spittelers. Im Spätherbst 1864 stand er zerlumpt und psychisch verwirrt vor dem neu errichteten Haus. Der l9-Jährige war zwei Monate zuvor aus dem Elternhaus geflüchtet, irrte mit kaum Geld im Portemonnaie in der Schweiz herum, bis er schliesslich in Luzern völlig erschöpft anlangte. «Da fand ich bei edlen Menschen Asyl», sollte der Literaturnobelpreisträger später bekennen. Sein Freund Josef Viktor Widmann hatte ihm die Adresse des Luzerner Fotografen Gerold Vogel, wohnhaft im Parterre der Bruchstrasse 20, zugesteckt. Vor allem aber die junge Frau des Luzerner Beamten und Hausbesitzers, Josefa Rüegger, sollte Spitteler zur Seite stehen, um aus seiner Lebenskrise herauszufinden – ein biographisches Schlüsselerlebnis, das den arrivierten Dichter veranlasste, 1892 seinen Wohnsitz in Luzern zu nehmen.

Delf Bucher


Friedensburg am Freiheitssee (2. Januar 2015)

Auf dem Schlachtfeld und im Schützengraben brachten Weihnachtslieder die Soldaten zur Besinnung ihres gemeinsamen Fundaments. Auch im heutigen SUVA Gebäude in Luzern, wo Kriegsverletzte behandelt wurden, war eine Verbrüderung zu beobachten. Diese Wende im Kriegsverlauf veranlasste den schwerreichen Bloch, in Luzern ein Friedensmuseum zu erstellen – mit bleibenden Folgen.

Frieden auf Erden - diese weihnachtliche Maxime der Engel an die Hirten von Bethlehem hatte vor genau hundert Jahren eine berührende, aber auch groteske Nachwirkung auf den belgischen und französischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Das Singen von Weihnachtsliedern diesseits und jenseits des Schützengrabens brachte das gemeinsame christliche Fundament den verfeindeten Soldaten vor Augen. Britische und deutsche Soldaten warfen sich Süßigkeiten zu, montierten an der Brustwehr ihre Schützengräben einen Tannenbaum, vereinbarten das Bergen der Leichen im Niemandsland, um später gemeinsam Weihnachtslieder zu singen.

Die weihnachtliche Verbrüderung im Schützengraben erinnert an eine Luzerner Szene: Auf einem Foto, das sich in der Sondersammlung der Zentralen Hochschulbibliothek Luzern findet, posieren vergnügt drei Soldaten – ein Deutscher, ein Brite und ein Franzose. Kein Hass funkelt aus den Augen, sondern mit ihren Strahlegesichtern lächeln sie die Absurdität des Krieges weg. Zu der Begegnung von Soldaten der Entente- und Mittelmächte ist es gekommen, da im SUVA-Gebäude verletzte Armeeangehörige operiert wurden.

Das Friedens- und Kriegsmuseum von Bloch

Wenn die drei Soldaten (im Hintergrund des Fotos ist das Musegg-Tor zu sehen) wenige Schritte weiter gelaufen wären, hätten sie das Internationale Friedens- und Kriegsmuseum passiert. Hier wurde schon seit 1902 das vorausgesagt, was nun für die drei Soldaten Wirklichkeit geworden ist. Das sinnlose Sterben, das Verharren im Stellungskrieg, das keine Entscheidungsschlacht mehr möglich macht. Der Visionär des «grossen Kriegs» hiess Jan Bloch. Auf 3’400 Seiten in sechs Bänden, mit Grafiken, Statistiken und Illustrationen reichlich unterfüttert, wollte er detailversessen seine Idee propagieren: Der Krieg sei im Zeitalter der Industrialisierung nicht länger als «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln» (Clausewitz) denkbar. Sein Horror-Szenario traf mit hundertprozentiger Trefferquote ein: Viele europäische Königshäuser stürzten, Europa verharrte für Jahrzehnte in der wirtschaftlichen Misere und es wurde in Millionenzahl getötet, wie noch nie zuvor in den Kriegen der Menschheitsgeschichte.

Ironie der Geschichte: Vor 1914 war es noch schwer, Zeugnisse von der zerstörerischen Wirkung des totalen Krieges zu geben. Später dann, als nach 1918 Friedensmuseen überall in Europa entstanden und mit den Bildern von zerschossenen und deformierten Schädeln des realen Ersten Weltkriegs «Zeugnis gegen den Krieg» ablegten, schloss das Luzerner Museum seine Pforten für immer. Noch heute erinnert der Ritter, der seine Waffen niederlegt, am Fluhmatt-Schulhaus an das Museum.

Wie aber ist das Museum ausgerechnet nach Luzern gekommen?

Luzern scheiterte bei seinem Versuch, das Schweizerische Landesmuseum nach Luzern zu holen. Als Schweizer Offiziere den Stadtoberen und Hoteliers steckten, dass der schwerreiche Bloch, er hatte sein Geld im russischen Eisenbahnbau verdient, einen Ort sucht, um international seine Friedensidee zu propagieren, meldete flugs Luzern sein Interesse an.

Erfolgreich. Denn bereits 1902 ging das Internationale Kriegs- und Friedensmuseum (IKFM) auf, damals noch auf dem Terrain des heutigen KKL. Merkwürdig kam das Museum schon rein äusserlich daher: als eine Art Raubrittergotik mit Zinnen und Türmen. Dieser Fassadenschwindel aus Holz wurde eigens ein Jahr zuvor für das Eidgenössische Schützenfest errichtet. Und der Pulverdampf des vergangenen Eidgenössischen sollte auch der «Friedensburg am Freiheitssee» (Luzerner Tagblatt) anhaften.

Unverkennbar schimmerte bei der Konzeption des Museums die Handschrift der Schweizer Offiziere durch. Kanonen, Feuerwaffen aller Epochen, Schlachtenszenen aus Pappmaché fanden sich in dem Museum. Selbst die gespaltenen Schädel von der Schlacht in Dornach 1499 waren in den Vitrinen platziert. Das katholisch-konservative Luzerner «Vaterland» schreibt dann auch etwas irritiert: Man werde vielleicht «bei oberflächlicher Durchsicht des jetzt schon ausserordentlich reichhaltigen und darum höchst sehenswerten Museums finden, dasselbe sei eigentlich kein Friedens-, sondern ein Kriegsmuseum», um dann festzustellen: «Aus dem Abscheu vor dem Krieg folgt die Liebe zum Frieden.»

Dann kam der Zusammenbruch – auch im Tourismus

Dass rührige Leute wie Jacob Zimmerli und Mitglied des Verwaltungsrates der Museums-AG oder Stadtpräsident und Hotelier Hermann Heller die Lancierung des IFKM betrieben, zeigt auch eines: Auch ganz profan pekuniären Interessen können manchmal edle Bestrebungen fördern. Was die Hoteliers in der «Belle Epoque» noch nicht wussten: Der von Bloch prophezeite ökonomische Zusammenbruch des europäischen Wirtschaftssystems sollte auch der Luzerner Glanzzeit des Tourismus ein Ende bereiten und für viele Hotels den Ruin bedeuten. 1916 – wieder schimmern die materiellen Interessen für ideelle Zwecke durch – reklamierten die Hoteliers ganz humanitär, Internierte aufzunehmen, um etwas Geld in ihren leeren Hotelkästen zu verdienen. Die Seeburg füllte sich so beispielsweise mit britischen Soldaten. 1918 war es aber endgültig mit der internationalen Gästeschar vorbei: Der Krieg hatte, wie es Bloch prophezeite, Europa ökonomisch ausgezehrt. Kaum ein Europäer, der 1914 erwachsen war, sollte jemals in seinem Leben einen vergleichbaren Wohlstand erreichen wie vor dem Krieg. Luzern mutierte in der Zwischenkriegszeit zur Schweizer Tagestourismus-Destination.

Delf Bucher


Viele unserer Blogbeiträge sind ebenfalls im «Damals-Blog von zentralplus erschienen.