Die Tell-Saga als Exportprodukt

Eine andere Sicht auf unseren Nationalhelden: die Tell-Saga als persisches Exportprodukt und Wilhelm in einem Vergleich mit Attentätern.

Tell als Filmheld in den 1960er-Jahren: Kleinfamilie im Mittelalter (Bild: zvg. Delf Bucher & Verlag Hier und Jetzt)
Tell als Filmheld in den 1960er-Jahren: Kleinfamilie im Mittelalter (Bild: zvg. Delf Bucher & Verlag Hier und Jetzt)

Ich bin «Papierli-Schweizer». Seit fünf Jahren habe ich den Schweizer Pass und bereits zuvor fühlte ich mich auf der Rütli-Wiese besonders wohl.

Erst jüngst sass ich da unter der knatternden Schweizer Fahne. Unter mir schimmert das milchige Türkis des Urnersees durch die Tannen. Der Föhn hat die Wolken hinter die Berggipfel geschoben. Die Schweiz braucht nur eine Wiese als Nationaldenkmal! – geht’s mir durch den Kopf. Fürs Monumentale

Die Umgestaltung zum Helden

Etterlin (Bild: zvg)
Etterlin (Bild: zvg)

So denke ich, eignet sich für mich als Neohelvetier und als echten Schweizermacher mein schwäbischer Landsmann Friedrich Schiller. Von ihm redet auch die Schülergruppe, der ich nahe der Rütli-Fahne zuhöre. Sie unterhält sich über die literarische Vorlage zur Tell-Geschichte aus dem dänischen Sagenschatz. Der Ur-Tell namens Toko sei ein Trunkenbold gewesen, erklärt eine Schülerin ihren Mitschülern. Treffsicher hat Schiller den Säufer zum Helden umgestaltet.

Für mich als Schwaben mit Schweizer Pass steckt in der Entstehungsgeschichte des Tell-Dramas ein besonderer Clou: Das Nationalepos der Schweizer hat ein Schwabe im wahrsten Sinne des Wortes erfunden. Denn Schiller setzte nie einen Fuss auf Schweizer Territorium. Seine Sehnsuchtsschweiz prägte für ihn das Bild eines besseren Deutschlands, das er anstrebte: Freie statt Geknechtete, Republik statt Monarchie und keine Duckmäuser, die Tyrannen duldeten.

Tell-Import

Nun sass ich letzte Woche bei der Buchvernissage im ZHB-Lesesaal im Vögeligärtli. Michael Blatter und Valentin Groebner stellten ihr neues Buch «Tell – Import – Export» vor. Und bald merkte ich: Mein Privatmythos hat etwas Nachhilfeunterricht verdient. In Sachen Tell muss ich umlernen.

Das erste helvetische Porträt taucht auf in der Petermannschen Chronik von 1507 (Bild: zvg)
Das erste helvetische Porträt taucht auf in der Petermannschen Chronik von 1507 (Bild: zvg)

Denn Tell kommt nicht aus Dänemark, sondern der Ur-Tell war ein Perser, wie die beiden Historiker erläuterten. Während der Luzerner Uni-Professor mit österreichischen Wurzeln, Valentin Groebner, sich mehr für die Import-Export-Geschichten interessiert, hat sich der Innerschweizer Michael Blatter, Stadtarchivar von Sursee, mehr der Rezeption des Tells auf heimischem Boden zugewandt.

Zuerst zur Tell-Saga als Exportprodukt. Der Apfelmythos ist ein globalisiertes Früchtchen. Sein Verkaufsstand befand sich in einem persischen Bazar und angepriesen wurde die Fabel vom Apfelschuss erstmals von einem Sufi-Dichter im 12. Jahrhundert. Damit ist schon das Leitmotiv des Buches bereitgestellt: Mit fliegendem Teppich aus dem Morgenland düst die Tell-Figur durch die kurzweilige Rezeptionsgeschichte. Der Blick der beiden Historiker auf den Teppich zeigt die verschiedenen Texturen, die der Zeitgeist in den Tell-Stoff einwebte.

Die problematische Revolutionsikone

Dass Tell nicht nur für den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft taugte, sondern durchaus subversiv und umstürzlerisch ausgelegt werden konnte, erläuterte an diesem Abend Michael Blatter. Er zeigt, wie eng die Entlebucher Anführer des Bauernkrieges von 1653 sich auf den Tell-Mythos bezogen und mit ihm selbst in ihre Idealrolle schlüpften. Da sie in ihre revolutionäre Rhetorik und propagandistische Inszenierung ganz viel Tell einwebten, führte das dazu, dass die populären Tellen-Lieder im Luzernischen verboten waren. Aber auch die Franzosen erinnerten sich am Vorabend der französischen Revolution an «Guillaume Tell».

Bierdeckel: Tell als Inspirationsquelle für PR-Strategen (Bild: Delf Bucher)
Bierdeckel: Tell als Inspirationsquelle für PR-Strategen (Bild: Delf Bucher)

Tell ist immer auch eine problematische Revolutionsikone. Seine dunkle Seite erläuterte Groebner. Er erinnerte daran, dass sich selbst der unselige Attentäter Lincoln in die Rolle des helvetischen Armbrustschützen und Tyrannenmörder hineinfabelte. Und was derzeit für die aktuelle Debatte um das klandestine Geheimabkommen zwischen palästinensischen Al-Fatah-Kämpfern und der Schweizer Regierung Anfang der 1970er-Jahre von Bedeutung ist: Auch die Flugzeugentführer sahen sich als Nachfahren von Tell. Groebner dazu: «Tell liefert auch immer die Lizenz zum Töten.» 

Der Mann mit der Armbrust kann ein Freiheitskämpfer oder Attentäter sein, er kann den Nationalhelden geben wie auch der Bannenträger der Rechtspopulisten sein. Eines ist den vielen Tell-Erzählern gemein: Sie adaptieren eine saftige Geschichte, die mit ihren vielen Leerstellen einlädt, immer wieder neue Ornamente in den Teppich zu knüpfen.

Delf Bucher

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