Von Bahn- und Architekturgeschichte, von Take-away-Trends und dem Wandel der Ausgehkultur erzählt das «Isebähnli» alias «Crazy Cactus» in der Baselstrasse. Judith Schubiger wirft einen Blick auf einen Ort mit Tradition, Bestand, Folklore. Und Schönheit?
Burritos, Tacos und Margaritas; im «Crazy Cactus» wird seit 20 Jahren serviert, was der Name verspricht. Ein Stück Mexiko an der Luzerner Baselstrasse mit künstlichen Kakteen, bunt gestreiften Tischläufern und Sombreros. Inmitten eines Interieurs aus Alphütten-Attrappen, die in den Raum eingebaut sind.
Die urchige Kulisse ist ein Überbleibsel des früheren Restaurant-Konzepts. Die Eltern der Wirtin Caroline Vogel haben hier mit dem «Isebähnli» ein Tanzlokal mit Unterhaltungsmusik betrieben. Und so existieren in diesem Restaurant zwei Kulturen miteinander und nebeneinander, mitten im Quartier der vielen Kulturen.
Vom Steinbruch zum Isebähnli
Ab 1861 wurde an dieser Adresse die Wirtschaft «Zum oberen Steinbruch» betrieben, 1877 bekam das Lokal den neuen Namen «Restaurant zur Eisenbahn». Die Bahnlinie, die Luzern ab 1859 an das Schweizer Schienennetz anschloss, verlief direkt neben dem Gebäude. Noch nicht auf einem Damm wie heute, sondern ebenerdig.
Direkt vor dem Restaurant kreuzte die Bahnlinie die Baselstrasse und so wurde mit Rollbarrieren der Verkehr auf der Strasse angehalten, wenn die Bahn einfuhr. Bei den ausgedehnten Wartezeiten an der Barriere hätte es sich wohl manchmal gelohnt, einzukehren.
Lange war die «Eisenbahn» eine typische Quartierbeiz mit einer Bocciabahn; im Stadtviertel mit vielen Einwandererinnen aus Italien war das keine Seltenheit. Nach vielen Pächter, darunter auch einige Italienerinnen, kauft Fridolin Zurkirchen, der Urgrossvater von Caroline Vogel, 1934 die Liegenschaft.
Sein Schwiegersohn Anton Frank, der in den 1950er-Jahren den Betrieb übernimmt, lässt im Keller eine Kegelbahn einbauen und macht das Lokal zur «Legende» und zum «Treffpunkt für die ganze Stadt», wie eine Lokalzeitung schreibt.
Ein Brand an Ostern 1971 zerstört schliesslich die alte «Eisenbahn» und fordert ein Todesopfer und viele Verletzte. Auf dem noch intakten Keller mit Kegelbahn und dem Erdgeschoss wird ein neues, modernes Gebäude erstellt. Die Beiz bleibt während des gesamten Umbaus im Betrieb; «selbst ohne Dach, nur mit einem Schutzdach aus Plastik gedeckt», wie es in einer Jubiläumsbroschüre heisst. Im Oktober 1972 wird die Wiedereröffnung unter dem neuen Namen «Isebähnli» gefeiert.

Sichtbeton und Almromantik
Der Neubau steht für die Architektursprache der späten Nachkriegszeit. Dank Hochkonjunktur und Bevölkerungswachstum wird gebaut wie wild. Fast ein Drittel der Schweizer Bausubstanz entsteht in der Zeit zwischen 1960 und 1975, es herrschen Technikeuphorie und Fortschrittsglaube.
Beton wird zum beliebten und dominierenden Baumaterial und der Sichtbeton wird immer öfter als gestalterisches Element eingesetzt. So auch beim neuen «Isebähnli». Mit seiner reduzierten, kubischen Form, seinen Dimensionen und der Betonfassade mit Wendeltreppe hebt sich der Bau von den klassizistischen Vorstadthäusern aus dem 19. Jahrhundert ab und setzt einen modernen Akzent in der inneren Baselstrasse.

Fridolin Zurkirchen eröffnet mit dem Bratwurststand im Aussenbereich einen der ersten Take-away-Stände in Luzern, noch vor den zahllosen Pizza- und Kebabbuden, wie wir sie heute kennen. Innen aber bleibt das Programm traditionell.
1978 übernimmt die dritte Generation den Betrieb. Sonja und Max Vogel setzen auf Live-Musik und Tanz, jeden Abend ab 20 Uhr. Das Konzept geht auf. «Die original fidelen Mölltaler, das Alpenland-Quintett, Benni Rehmann oder das Nockalm-Quintett sorgten für täglich ausverkauftes Haus» schreibt der «Luzerner Anzeiger» rückblickend.
Schliesslich folgt 1995 ein Totalumbau des Restaurants und der Namenswechsel zu «Isebähnli Alm». Der Innenausbau mit Alphütten und Schnitzereien stammt von einer österreichischen Firma und passt zur Oberkrainermusik, die oft gespielt wird. Aussen Nachkriegsmoderne an einem der urbansten Orte Luzerns – innen Bergromantik und «Erlebnisatmosphäre», wie es in der Presse heisst.

Club, Bratwurst, Studios
Nachdem das Interesse an solcher Unterhaltungsmusik langsam, aber sicher zurückgeht, führt Caroline Vogel ab 2004 als junge Wirtin das Isebähnli mit einem neuen Konzept weiter. Aber auch im «Crazy Cactus» gibt es ab und zu am Wochenende noch «Ramba-Zamba mit Live-Musik», wie die Wirtin erzählt.
Wohl auch deshalb ist das Restaurant bei Gruppen beliebt – für den Polterabend oder das Weihnachtsessen. Für die Bratwurst am Aussenstand kommen Gäste – viele davon Stammgäste – von weither an die Baselstrasse, weil die hier eben noch «wie früher» schmeckt. In der ehemaligen Kegelbahn trifft sich die Szene im «Klub Kegelbahn» zum Tanzen und Feiern, und in den oberen Geschossen bieten 42 möblierte Einzimmer-Studios Wohnraum.
Die Baselstrasse 24 ist kein spektakulärer, aber doch ein bemerkenswerter Ort. Für die einen wohl einfach eine Bausünde aus Beton, wie so viele aus der Nachkriegsmoderne: kühl, rational und eher abweisend. Kein Gewinn für das Stadtbild.
Für andere ein Stück moderne Architektur oder einfach ein Ort, der mit vielen Erinnerungen an lustige Abende verbunden ist. «Man hat wohl mit dem Neubau das Beste rausgeholt», urteilt Caroline Vogel lakonisch über die ästhetische Qualität des Gebäudes. Ihr ist daran gelegen, das Gebäude in Ordnung zu halten und Graffitis zu entfernen – auch das ein Zugang zur Schönheit.

An diesem Ort spiegelt sich wie an so vielen Gebäuden der Baselstrasse auch die Geschichte der Stadt und des Quartiers: Der Anschluss an das Eisenbahnnetz, die Migrantinnen aus Italien, eine neue Architektursprache, der Wandel der Ausgehkultur mit dem Club im Untergeschoss statt dem Dancing in der Beiz, aber auch die Einzimmer-Studios: Wohnraum für Menschen mit wenig Einkommen, die womöglich schon bald weiterziehen, wenn sie können. Weg von einem Ort, der Geschichte atmet und an dem einiges noch gleich aussieht wie vor 50 Jahren. Weg vielleicht nicht von der schönsten, aber urbansten und wohl auch lebhaftesten Ecke Luzerns.