Fast hundert Jahre gehörte die Pferdehandlung Kaufmann an der Moosmattstrasse fest zum Luzerner Stadtbild. Der Umschlagplatz für Pferde entwickelte sich zu einem Stück lebendiger Stadtgeschichte. UntergRundgänger Michael Weber geht der Fährte nach.
Im Vorschulalter war der Weg vom Moosmattquartier ins Stadtzemtrum immer sehr spannend. Es gab Züge zu entdecken – und Pferde zu bestaunen. Während die Züge weiterhin das Stadtbild in der Neustadt prägen, gibt es Pferde höchstens noch als «Kompost-Rössli» zu sehen. Denn die Pferdehandlung Kaufmann, an deren Zaun wir stets stehen blieben, wurde 1989 abgerissen.

Schon im mittelalterlichen Luzern spielten Pferde eine zentrale Rolle im Alltag der Menschen. Sie dienten nicht nur als wichtiges Transport- und Fortbewegungsmittel, sondern wurden auch in der Landwirtschaft, im Handel und beim Militär eingesetzt. Ohne Pferde wären Reisen, der Transport von Waren oder die Bewirtschaftung vieler Höfe kaum möglich gewesen. Besonders Arbeitspferde waren wegen ihrer Kraft und Ausdauer geschätzt.
Mit der Zeit entwickelte sich auch die Pferdezucht stetig weiter. Bauern, Händler und Züchter achteten darauf, robuste, zuverlässige und leistungsfähige Tiere zu züchten, die den unterschiedlichen Anforderungen gerecht wurden. Je nach Region entstanden verschiedene Pferdeschläge, die entweder besonders für die Landwirtschaft, für Fuhrwerke oder für Reit- und Militärzwecke geeignet waren.
Stadtnah aber im Grünen
Der Beromünster Vieh- und Rosshändler Josef Kaufmann zog gemeinsam mit seiner Mutter im Jahr 1890 nach Luzern. Für ihre Pferdehandlung benötigten sie Boden, der zwar nahe bei der Stadt, aber dennoch «bezahlbar» war – also im «Grünen» lag. Fündig wurden sie am heutigen Paulusplatz. Wo heute die gleichnamige Kirche steht, lag damals der Dünkelweiher und daneben die Studentenkapelle.

Auf der anderen Seite der Moosmattstrasse kauften sie Land, auf welchem bereits zwei Häuser mit den Nummern 1 und 5 aus dem Jahr 1824 standen. Die Pferdehandlung florierte, so dass sie 1896 um eine Scheune und 1904 um einen Stall erweitert wurde.
Nach dem Tod Josef Kaufmanns übernahm sein Sohn Hans Kaufmann 1938 die Pferdehandlung als alleiniger Eigentümer und führte den Familienbetrieb weiter. Unterdessen hatte sich die Umgebung rund um die Pferdehandlung radikal verändert. Sie war nun umgeben von der Pauluskirche (1912 eingeweiht) und von sechs- bis siebenstöckigen Wohn- und Geschäftsgebäuden.

Der Betrieb liess sich aber nicht vom städtischen Umfeld beeindrucken – im Gegenteil: Die Kaufmanns prägten das Stadtleben mit. Allen voran «Kuck», wie sich Franz Hess-Hofstetter, Enkel des letzten Pächters auf dem Bauernhof Moosmatt (link zur Villa Moosmatt) erinnert: «Das war eine geradezu legendäre Person, der Meisterknecht beim Rosshändler Kaufmann». So habe man den Meier Schorsch, wie er mit bürgerlichem Namen hiess, in der ganzen Stadt und darüber hinaus gekannt. Denn die Pferdehandlung Kaufmann war für die meisten landwirtschaftlichen Betriebe rund um die Stadt Luzern ein wichtiger Partner.
Jurassische Pferde für Luzerner Höfe
Dieser Kuck habe nicht nur jeweils die Fritschi-Kutsche an der Fasnacht geführt, er sei auch zuständig gewesen, neue Pferde zu organisieren. Franz Hess-Hofstetter erzählt, sein Vater habe zusammen mit Kuck Pferde aus dem Jura überführt. «Sie haben dann im Jura zehn oder zwanzig Rösser gekauft, diese zusammengebunden und auf das vorderste sei einer drauf gehockt und so sind sie dann nach Luzern geritten.» Vermutlich hätten sie auch am einen oder anderen Ort übernachtet.
Anders sei es gelaufen, wenn Vieh für den Moosmatthof mit dem Zug in Luzern angekommen sei. Vor dem Öffnen des Viehwaggons im Güterbahnhof beim Inseli hätten Kuck oder sein Vater eine Kuh am Halfter festgehalten. Dann rannte dieser los und der andere öffnete den Waggon. Und so rannten dann die Kühe bis zum Gebiet des alten Moosmatthofs quer durch die Stadt. «Abends hat dann manchmal die Polizei angerufen und gemeldet, wo sich noch Kühe aufhielten, um diese einzusammeln».
Doch nicht nur bei Franz Hess-Hofstetter kommen blühende Erinnerungen hoch, wenn es um die Rosshandlung Kaufmann geht. Auf facebook erinnern sich zahlreiche Ur-Luzerner*innen, wie sie dort geritten seien oder im Pferdestall Stunden verbracht hätten.

Im Jahr 1975 ging die Pferdehandlung an Hans Kaufmann-Müller und Josef Kaufmann-Ackermann über. Die Stadt war inzwischen geprägt vom Autoverkehr. Fuhrwerke, Kutschen oder Reiter*innen hatten Seltenheitswert. Die neue Zonenplanung der Stadt Luzern sowie die zunehmenden Schwierigkeiten, einen Pferdehandel mitten in der Stadt zu betreiben, führten schliesslich dazu, dass die Familie Kaufmann die Pferdehandlung im Jahr 1988 aufgab, um einer neuen Überbauung Platz zu machen. Die heutige Überbauung zwischen Moosmatt-, Biregg- und Birkenstrasse erinnert eigentlich in nichts mehr an die markante Pferdehandlung. Zum Andenken wurde jedoch ein Pferd, welches früher auf einem Backsteinsockel stand, zu einer Brunnenfigur umgenutzt. Denn sowohl ausserhalb als auch innerhalb der Pferdehandlung gab es zwar einen Brunnen – beide waren aber ohne Figur.

Bereits kurz nach der feierlichen Einweihung der Neuüberbauung am 1. August 1992 wurde der Brunnen für immer abgestellt – weshalb, ist unklar. Im Quartier geht das Gerücht um, dass den damals neuzugezogenen Anwohner*innen der Brunnen zu laut gewesen sei. Dafür spricht auch, dass der dazugehörige Kinderspielplatz immer weiter zurückgebaut wurde und heute komplett fehlt. Interessant, denn die Pferde und die beiden Brunnen sorgten zuvor bestimmt für bedeutend grössere Lärmemissionen, vom Geruch gar nicht erst zu sprechen.

Quellen:
- Interview mit Franz Hess-Hofstetter
- Stadtarchiv Luzern
- Zunft zum Dünkelweiher: https://www.duenkelweiher.ch/unsere-zunft/plaketten/
- Zentralbibliothek Luzern